Zur Sumerisch/Babylonischen Mythologie

 

 

Sie haben hoffentlich ein paar dieser Namen erkannt: Sin ist der Mond Nergal der Mars, die Gula-Herrin-von Nippur im Zweifelsfall die Venus, der letzte Sohn, Nusku, der Merkur. Daß Nusku = Merkur sei, das haben, ausgerechnet, wieder die Lewys in einer späteren Arbeit schlüssig bewiesen. Vier von den Sieben sind also Planeten; die Zuweisung der restlichen drei Namen an Sonne, Saturn und Jupiter scheint vorläufig nicht möglich. Nach allem, was Sie hier nun schon gehört haben, schließt dieser Befund nicht aus, daß mit der von Anu gebundenen Siebenheit die Pleiaden gemeint sein könnten, oder auch die Wagensterne: auf den ägyptischen astronomischen Deckenbildern ist Maskheti durchweg 'gebunden'; darüber hinaus scheint es mir nicht ausreichend bewiesen zu sein, daß Thureau-Dangin's sieben Namen die der Söhne des Enmešarra seien.
Diese unbefriedigende Exkursion diente nur dem Ziel, Ihnen den Appettit an flotten Identifizierungen und nassforschen Urteilen zu verderben; ich könnte mit einschlägigen Abschreckungsmaßnahmen noch lange fortfahren und Sie, von den sieben Kindern der Ishara in Scorpius abgesehen, mit jenen Sieben konfrontieren, die ausgerechnet, in Eridu beheimatet sein sollen, "the seven wise ones of Eridu", also vom Canopus, oder den 'bösen' (utukki limnuti), von denen es heißt: "They are seven, they are seven, in the break-through of the apsu..., they are seven, covered with (terror) in heaven they are seven, in the break-through of the apsu, in the sanctuary, they grew" (Lewy pp.24,40 + A.178); zu dem Apsu-Durchbruch" werden wir von den Lewys belehrt: "i.e. the places where the sweet-water breaks through the surface of the earth."
Was den babylonischen Himmel anlangt, so haben wir da z.B. den schon erwähnten Fuchs Stern, das ist Alkor, ein "Wolfsgestirn" mulUR.BAR.RA, das mit Beta Trianguli identifiziert wurde und als Vertreter des Planeten Mars gilt (Gössmann 161, Kugler Erg.208), einen Schakal mulUR.IDIM, den man a) mit Lupus identifiziert hat, b) mit delta epsilon Serpentarii (Kugler Erg.203,223, Gössmann 163), den Hund der Göttin Gula mulUR.KU, das soll Hercules/ Engonasin sein (Gössmann 167,vg1.145, Weidner RLA II 406),und zu allem Überfluß heißt Leo mulUR.GU.LA,"das Gestirn des 'Großen Hundes".
 
Da Sie nun schon ein paar Millimeter weit in den Stoff eingedrungen sind und die Seiten aus "Tod und Leben" haben, sollen noch ein paar Anmerkungen oder Anschluß-Stücke gegeben werden. Die Aufzählung der sieben Namen beim Thureau-Dangin findet sich in einem Ritualtext der sog. Kalu-Priester, die speziell dem Enki-Ea unterstanden und für Musik zuständig waren (sprechen Eme-sal!??). Der Text AO 6479 handelt zunächst von der Herstellung einer bronzenen Trommel namens lilissu. (TuL 32 Z.11 finden Sie, daß das "Herz" des Unbekannten "eine Pauke/(lilis) li-li-su" sei). Zunächst wurde ein Stier geopfert, "qui symbolise le taureau celeste", wie Thureau-Dangin hervorhebt (Rit.acc.2).Seine Haut diente als Trommelfell, und von diesem Trommelfell wird gesagt, es sei gleich Anu (TuL 29 oben). Nun heißt es aber im Text (p.11), falls der Stier "est tacheté de sept (touffes de) poils blancs en forme d'étoiles,... il ne sera pas pris", er sei zur Opferung ungeeignet, wenn er sieben weiße Haartupfen in Form von Sternen hätte, so übersetzt Thureau-Dangin.William Foxwell Albright (122) gibt die Stelle wieder: "If he is speckled with seven white tufts (zappu) of hair like stars (or like the Pleiades)..., he shall not be taken." Und das schreibt Albright in einer Arbeit, die er gemeinsam mit dem Indologen P. E. Dumont verfasst hat "A parallel between Indian and Babylonian sacrificial ritual" (JAOS 54,1934,107-28), und wo die beiden eben die Opferung des 'Lilissu-Stieres' mit dem A?vamedha, dem indischen Pferdeopfer, vergleichen. Laut Dumont steht im SB13.4.2.1-2, das zu opfernde Pferd müsse Krttika auf der Stirne haben. Der Professor Dumont hat mit Sicherheit Recht, er arbeitete ja mit dem Sanskrit-Text, aber ich muß bemerken, daß in Eggeling's Übersetzung des SB nichts von Krittika/Pleiaden zu finden ist. So geht es halt, wenn man auf Übersetzungen angewiesen ist. Albright schließt aus der indischen Angabe, die mesopotamische Vorschrift, der gemäß ein Stier mit 7 Pleiadentupfen nicht genommen werden dürfe, habe ursprünglich umgekehrt gelautet. Es bleibe dahingestellt, ob er damit Recht hat. Im Zusammenhang mit der lilissu-Trommel, deren Stierhaut-Bespannung mit Anu identifiziert wird, sei erinnert an die chinesische Trommel, die Huangti/Saturn mit der Haut des einbeinigen K'uei - dem Musikmeister des Urkaisers Shun - bespannte (Granet: Danses 509), und die Doppeltrommel der Bambara, bespannt mit der Haut des ersten geopferten Zwillingspaares und geschnitzt aus einem Baum, which "symbolized Faro's only leg" (s. Hamlet's Mill 1 26 f.), erinnert sei auch an die Formulierung des Petronius im Gastmahl des Trimalchio, wo zum Monat Mai gesagt wird: totus coelus taurulus fiat, der ganze Himmel wird zu einem Stierchen.
Wir müssen danach trachten, aus dem undurchdringlichen Dickicht zu entweichen, aber eines möchte ich doch noch betonen: diese beiden Texte, deren Vielschichtigkeit Ebeling nicht bemerkt, deren Wichtigkeit er aber geahnt zu haben scheint, machen uns wieder einmal deutlich, wie wenig wir über die fundamentalen Definitionen und Begriffe altorientalischer Kosmologie wissen.Da nennt der Ebeling doch ganz unbefangen sein opus - dessen zweiter, "systematischer", Teil nie erschienen ist - "Tod und Leben nach den Vorstellungen der Babylonier": was aber meint denn im Mythos Tod? Was meint "Anu den Hals abschneiden, Kingu vom Dach werfen; und was meint "Unterwelt"? Wie kann Enmešarra "dominator inferni (a-ra-al-li)" sein, wenn es sich um den südlichen Teil von Perseus handelt und sein Leichnam von Ninurta auf dem Auriga-Wagen herumgekarrt wird?
Bei welcher Gelegenheit auch noch Folgendes angemerkt werden muß: Ebeling behauptet p.29 (Ende des 3 .Abschnittes): "Ninurtas Kampf mit dem 'Leichnam' Asakku (A. manifestiert sich im Leichnamstern, s. Landsberger AK I 2, S.74) ist mit seinem Kampfe gegen Enmešarra identisch." Der Leichnamstern (Gössmann 243) "mulLU2.UŠ2.Akk.etwa kpagri Leichnamsstern" ist nach Bezold (ZJF 12) Delphinus, nach Kugler (Erg.64) Antinous. Ich stimme für Antinous, und zwar justament dieses seines Namens wegen: der Kaiser Hadrian hat dieses Sternbild - eta sigma theta iota kappa lambda ny delta Aquilae (Allen s.v.) - so getauft, nachdem sein Liebling Antinous ertrunken war; ich vermute, er habe von der Bedeutung des Leichnamsgestirns kakkabu pagru gewußt. Zu meiner großen Befriedigung stellte ich gerade fest (18.12.78) daß Kugler (Erg.64) der gleichen Meinung war: "Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß man dabei an babylonische Anschauungen anknüpfte, die ja damals (130 n.Chr.) in den 'Chaldäern' auch zu Rom ihre Vertreter hatten." Dieses aber nur nebenbei. Der Kampf Ninurtas gegen Enmešara/Perseus und der gegen Aquila-Sterne kann schwerlich der gleiche sein, selbst wenn beide Sternbilder fixe Stellvertreter für den gleichen Planeten gewesen sein sollten, im Zweifelsfall für Saturn.
S.36 Z.10 (TuL) soll der "Totendämon" des Enmešarra schreien, man möge ihn verbrennen oder zermahlen - zur Zeile 13 möchte ich gerne wissen, ob Kamele Hörner haben? Der seinen Vater gerächt habende Ninurta sitzt hier auf einem, er steht nicht länger mit einem Leichnam auf einem stuhllosen Streitwagen. Ebeling sagt auf den Seiten 28 und 37, man dürfe seine beiden Texte 7 und 8 nicht voneinander trennen. Woher er das weiß, sagt er nicht, weshalb man sich tunlichst nicht zu fest darauf verläßt. Wenn er aber dieser Ansicht war, so hätte er mehr Konsequenzen ziehen und z.B. den sich krönenden König oder Enlil (S.40 Z.16) auf dem (eingeklammerten) Thron zu dem auf dem Wagen sitzenden Ninurta stellen sollen. Immerhin erwägt er auf S.38: "In Z.15 wird erzählt, daß am 7. die großen Götter 'zu Ende gekommen' sind (=S.40).Heißt das soviel, daß eine Weltperiode zu Ende ist und eine neue beginnt?" Das also hat er gemerkt, aber auch diese Einsicht verrät uns nichts über die Identität der sieben Kinder Enmešarras, von denen es im zweiten Text heißt (S.38 Z.5) : "Den 19. (Ululu) nennt man (Tag) der Klage, weil Anu die Siebengottheit, die Söhne des Enmešarra, gebunden hat; (il) a-nim (il) sibi (bi) mare (meš) (il) en-mešar-ra kii iksu(u). Die Siebengottheit steht im Singular, aber die Söhne Enmešarras im Plural.
An anderer Stelle - in Ihrem Auszug aus RLA II 396 f.- sagt Ebeling: "Enmešarra hat 7 Kinder: ihre Namen findet man CT XXIV, pl.4 Z.29 ff. Thureau-Dangin, Rit.acc.S.14 ff. Diese sieben Kinder sind identisch mit der Sieben-Gottheit (Sibi) nach Ebeling TuL I S.38, Z.5." Der gleichen Auffassung huldigen die Lewys, daß nämlich die Namen der sieben Kinder Enmešarras in dem Ritual-Text von Thureau-Dangin aufgezählt seien. Nur: in dem von Thureau-Dangin edierten und übersetzten Ritualtext (15,17) wird, soweit ich sehen kann, der Enmešarra überhaupt nicht erwähnt. Woher weiß man denn, daß es sich um sie handelt? Was beim Thureau-Dangin steht, haben Sie vor sich, desgleichen die Wiedergabe von Bruno Meissner: Rituels Accadiens (1921) 14 17. Meissner II 133.
Lewys, nur darauf bedacht, ihre "Winde" wieder zu entdecken, erwähnen nur Nr. 1 dGu-la dBelit Nippurkl. Nr.5. "Nergal, the bearer of the bronze-dagger Nr.3, "Sin, the cultivator of the fields", und den siebenten Sohn Nusku.
Wenn wir endlich darüber Bescheid wüßten, wann ein Planet oder ein Sternbild als "tot" gilt und zur "Unterwelt" zählt, und was in der Kosmologie ein "Grab" bedeutet - das des Zeus in Kreta, das des Anu (TuL 39 Z.18), das der tanzenden Myrina in der Ilias - so wäre viel gewonnen, sehr viel gewonnen. Daß "Gräber" und das "Sterben" von Planeten und Konstellationen mit dem "Vollenden" von Umläufen und mit der Praecession zu schaffen haben, das scheint mir deutlich genug; aber so generelle 'Prinzipien' helfen ja nichts. So lange man die Details nicht versteht, sind die "Universalien" witzlos, jedenfalls finde ich das.

 

 

 

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