WS 1976/77
Einführung in die Archaische Kosmologie

Teil 2

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Selbstredend erheben sich da kulturhistorische Schwierigkeiten. Zum ersten die, daß wir häufig von "reiten" hören, nun gar von einem Herrn des Wassers bei den Pilaga in Südamerika, der auf einem Pferde herumreist (s.Otto Zerries, Wild- und Buschgeister in Südamerika, p 111). Das Reiten aber ist eine sehr späte Erfindung. Zur Zeit jener großen Völkerbewegung, die die Hyksos nach Ägypten, die Kassiten nach Mesopotamien und die Arier nach Indien brachte, kannte man noch keine Reiterei; dazumal war der letzte Schrei der Streitwagen, und auch noch beim Homer werden Sie vergeblich nach einem einzigen Reiter suchen: alle Helden bedienen sich des Streitwagens. Aber unsere Kronzeugen, die Buschmänner, sagen ja auch gar nicht, der Kaggen reite, sie sagen, Mantis sitze zwischen den Hörnern von Elentier, wie das Insekten, oder auch Vögel, tun können. Daß man, nachdem sich das Reiten herumgesprochen hatte, allenthalben aus einem "sitzen auf" ein "reiten" gemacht hat, ist nicht besonders schwer einzusehen.

Den zweiten Stein des Anstoßes bilden die "Kisten und Kasten", die Gehege und Einfriedungen, in denen Tierarten gehalten werden, und. generell die Vorstellung von Wildtieren als den "Herden" von Geistern. Denn auch hier erhebt sich die Frage, ob die Konzeption von Tier "Hirten" denkbar gewesen sei, ehe man von der Wildbeuterei via Hochkultur, zu Tierzucht und Herdenhaltung übergegangen war. Die sprachlichen Formulierungen: Hirt, Gehege, Einfriedung, sind klärlich spät und setzen die Kenntnis von Tierhaltung voraus, aber das muß nicht bedeuten, daß die Vorstellung von irgendwelchen abgegrenzten Gebieten, von gleichwelchen "Behältern" unbedingt eine junge und aufgepropfte sein müsse; die Schweifgebiete von Wildbeutern haben durchweg klare Begrenzungen. Daß es sich bei den Behältern um Himmels Abschnitte handelt, scheint unverkennbar, besonders angesichts des Polarsterns der Tschuktschen, der alle wilden Tiere in "trunks" hält. Daß das Feld des Fuchsherren der Chiriguano sich in Scorpius befindet, hatten wir ja eben gehört. Dass nur die sprachliche Formulierung aus später Zeit stammt und nicht die Konzeption als solche, erhellt u.a. daraus, daß die ausgestorbenen Maluti Buschmänner im Basutoland den "Hirten des Wildes" kennen, wie auch die Ituri und Gabun Pygmäen (HB 1939, 221, Nr.17, Nyama, Paideuma.4, p197- 99, p225). Die Efe-Pygmäen vom Ituri nennen das Wild geradeheraus "die Ziegen der Gottheit"; bei der "Gottheit" handelt es sich um das Chamäleon, das hier die Stelle von Mantis vertritt (op.cit.214); die Maluti Buschmänner sagten von ihrem Cagn, er wohne dort, "wo die Elands wie Vieh in Hürden wohnen" (p213, Schöpfung 8); bei den Kamb heißen die Elefanten "Geistervieh" und von dem einbeinigen Luve der Ila in Nordrhodesien, der auf einem Eland sitzt, heißt es, die Antilopen seien sein Vieh. Das sind nicht übermäßig viele Zeugnisse, aber sie reichen aus; in Australien weiß ich noch viel zu wenig Bescheid, um Ihnen diesbezüglich Rede und Antwort stehen zu können.

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Alle anderen Belege stammen aus Einflußgebieten der Hochkultur, wenn nicht direkt aus der Hochkultur. Die kaukasischen Abchasen nennen den Wildherren den "Hirten allen Wildes" (Friedrich: Knochen?? p196), die Finnen nennen die Hirsche "Tapios Herde" (Paulson 160), den Schweden gelten Elche und Bären als Schweine und Ochsen des Waldherren (Rooth in "The supernatural owners of nature", p122), die Wölfe als Haustiere der Waldfrau (Edsmann, ibid p31). In Yukatán sind Hirsche die "Haustiere" der Zip Geister (Josef Haekel, Mitt. Hamburg 25, p61), bei Kekchi Abkömmlingen in Zentralamerika hörten wir von Xulab /Venus, er halte Hirsch, Peccari, Antilope,Truthahn usf. in Gehegen und habe für diese seine Tiere ein eigenes Maisfeld angelegt (Haekel p62). Baumann stellt fest (1939,214 A.2): "Die Idee vom Wild als der Herde des Wildgeistes ist weithin zu finden, außerhalb Afrikas u.a. bei den Birhor in Chota Nagpur,' in Indien also, wo es außer Hindus und Mohammedanern eben auch noch sog. "Primitiv Stämme" gibt, die keine sind. Wenn ein Munda Volk wie die Birhor und ein Kaukasus Volk wie die Abchasen gemeinsame Formulierungen für eine Erscheinung haben, so darf man, meiner Erfahrung nacht hohe Wetten eingehen, daß sich die Iren ihnen zugesellen, und diese Erfahrung bestätigt sich auch hier. Die irischen sogenannten "Elfen", d.h. die Tuatha De Danann, die den Titanen der Griechen entsprechen, den Vanen der alten Teutonen und für die der Titel "Elfen" höchst unpassend ist, diese Tuatha Du Danann sind Eigentümer der Hirschherden (J. A.Macculloch, Mythology of All Races p129), und als Diarmaid in Übersee eine Hindin erlegt und verspeist, erscheint der Hirsch-Eigner Gruagach und ruft: "Is not Erin wide enough for you to live in, instead of coming hither to steal my herds from me?" (J. Curtin: Hero Tales, p520). Und daher hat im Zweifelsfall Schiller seinen Alpenjäger, worinnen der Berggeist dem Gemsenjäger zuruft: "Raum für alle hat die Erde, was verfolgst du meine Herde?".

Der Bogen vom Cagn der Maluti Buschmänner bis zu Schillers Alpenjäger ist unanständig groß. Der schon einmal zitierte schwedische vergleichende Mythologe Waldemar Liungman hat da einmal ein halbwegs brauchbares Bild gebraucht ("The supernatural owners of nature", p82): "Wenn wir auf den Straßen Stockholms einem Herrn in einem gut geschnittenen Stadtpelz sehen und uns die Frage stellen würden, ob der Pelz das Erbe der Tierhautkleider der Steinzeit oder eine Mode aus Paris sei, dann müßte jeder vernünftige Mensch antworten: 'Beides, aber der Schnitt ist aus Paris'. Das ist genau die Antwort, die wir betreffs der Bärenaufzüge gegeben haben." Soweit Liungman. Der "Schnitt" von rund 70% unserer Wildgott Geschichten stammt aus den Ateliers der Hochkultur, die Substanz aus der Steinzeit.

Strikt beweisen läßt sich die Planeten Natur der Herren der Tiere (n i c h t der Herren der einzelnen Tierarten) vorläufig nicht. Was u.a. dafür spricht, sind die nach hinten gerichteten Füße, bzw. das Rückwärtsgehen, das nicht nur dem Corupira der Tupi eignet, sondern zahlreichen anderen Busch und Wassergeistern Südamerikas (s. Otto Zerries, Wild- und Buschgeister in Südamerika, p284 f., Alexander in MAR 11, p300, p327, Teschauer op.cit. p26), einigen Jagdgeistern der afrikanischen Elfenbeinküste (HB 226 f.) und, bei den Bribri in Costarica, unpassender Weise einem Herren einer Gattung (O. Zerries, Mitt. Hamburg 25, p145 B); dort ist der "König aller Hirsche selbst ein gewaltiger Hirsch mit enormem Geweih. Sein Hals ist sehr lang und gekrümmt, so daß der Kopf des Tieres auf seinem Hinterteil ruht und nach hinten schaut. Auch geht der Hirsch rückwärts." (Wobei ich mir in Klammern die Frage erlaube: Welches "Tier" wird, bzw. wurde in unserem Kulturkreis konstant mit rückwärts gewandtem Kopf abgebildet? Der Tierkreis-Widder).

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Das "rückwärts" in die "verkehrte" Richtung gehen, ist kein der irdischen Fauna abgegucktes Phänomen. Rückwärts bewegen sich, bzw. scheinen sich zu bewegen, die Planeten in Beziehung zum Fixsternhimmel. Im Seminar werden wir bei Behandlung des Timaios und der einschlägigen Kommentare genug über diesen Befund hören. Um ihn zu illustrieren, haben in Rom den Vitruvius (Marcus V. Pollio), Ende des 1.Jh. v.Chr.),9.1.15, p.423, cf. J.Needham 3,p214 f.; Forke: Lun Heng 1,p266 f.), in China Wang Chhung (um 83 n.Chr.) sich des beinahe gleichen Bildes bedient. Sagt der Vitruvius:"Wenn man auf eine Scheibe, wie Töpfer sie verwenden, sieben Ameisen setzt, auf der Scheibe um ihren Mittelpunkt konzentrisch ebensoviele Rillen macht, die vom Mittelpunkt bis zum Rande länger werden, und wenn man die Ameisen zwingt, in ihnen im Kreise herumzulaufen, und die Scheibe in entgegengesetzter Richtung dreht, so müssen die Ameisen trotzdem entgegen der Drehung der Scheibe in der Gegenrichtung ihren Weg bis ans Ende zurücklegen, und diejenige, die die dem Mittelpunkt zunächstliegende Rille hat, wird diese schneller durchlaufen. Die Ameise aber, die die äußerste Kreisrille der Scheibe durchläuft, wird, wenn sie auch gleich schnell läuft, wegen der Größe der Rille viel langsamer ihre Bahn vollenden. In ähnlicher Weise vollenden auch die Planeten, indem sie sich entgegen der Bewegung des Weltalls bewegen, in ihren besonderen Bahnen ihren Kreislauf, werden aber infolge der Umdrehung des Himmels in entgegengesetzter Richtung rückwärts getragen im täglichen Kreislauf der Zeit.". Bei dem chinesischen Wang Chhung heißt es speziell von Sonne und Mond: "Their movment may be compared to ants crawling on a rolling millstone. The movements of the Sun and Moon are slow, while heaven moves very fast. Heaven carries the sun and moon along with it, so that they really move eastward, but are turned westward".

Räumen wir so moderne gadgets wie Töpferscheibe und Mühlsteine beiseite: wir müssen uns an die in 95% aller Fälle gültige Faustregel halten, wonach man nur solches für jungpaläolithisch erklären darf, was sich bei den Buschmännern findet, die dann ja auch, wie es sich gehört, Felsbilder gemalt haben, solche frankokantabrischen wie solche des sog. ostspanischen Stiles. Deswegen ist es ja so befriedigend, daß die Maluti Buschmänner von "Hürden" der Elentiere reden und die Khan-Buschleute (Namibia) Mantis zwischen den Hörnern von Elentier sitzen lassen. Die hier fälligen Fragen lauten also: 1) was die Buschmänner von Planeten wissen, ob sie sie sie überhaupt kennen, 2) welcher der fünf Mantis sein könne, von dem in einer langen Mythe über den Allverschlinger berichtet wird, er sei Linkshänder?. Daß er sich als Wildherr auf die Wiederherstellung getöteter Tiere aus ihren Knochen versteht, geht aus zahlreichen Stories(s.a. W. H. I. BLEEK) hervor, die aber zu lang und zu kompliziert sind, um hier wortwörtlich vorgeführt zu werden. Besonders bemerkenswert aber ist ein Fall, wo er seinen getöteten Sohn aus dessen Auge wiedererstehen lässt.

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Von diesem Sohn, !Gaunu heißt es:!Gaunu war früher ein großer Stern ... Er war der, der einstmals Sternennamen aussprach, er war ein Großer. Daher rief er Sternnamen.Daher besitzen die Sterne ihren Namen, während sie fühlen, daß !Gaunu der war, der ihre Namen rief" (K. Woldman p15, Specimens of Bushman Folklore p78 f.). Er wurde von Pavianen getötet (Specimens of Bushman Folklore p17-37, Woldman p98-104), und die spielten dann mit seinem Auge Ball. Mantis schaltete sich in das Ballspiel ein und erwischte auch wirklich das Auge. "Dann warf er das Auge den Pavianen zu. Es stieg empor, ging am Himmel umher.Die Paviane konnten gewahren, wie es oben an Himmel spielte." Darauf verschwand das Auge im Pfeilköcher von Mantis. Die Paviane verprügelten daraufhin den armen Mantis, aber er entkam nebst Köcher und dem darin enthaltenen Auge. Die Paviane "sahen ihn aufsteigen.Er flog hinauf, flog ans Wasser und legte das Auge des Kindes hinein.'Du musst herauswachsen', sagte er, 'du mußt so werden, wie du vordem gewesen bist!' Er trug das sehnliche Verlangen, daß das Kind lebend zurückkehren sollte." Und das funktionierte auch. "Er, der junge Mantis, stieg aus dem Wasser herauf." Dem Wasser "oben", wohlgemerkt, Mantis war ja selbst nebst Köcher und Auge" aufgestiegen, er flog hinauf." Auf das Auge kommen wir gleich kurz zurück.

Die einzige Mär, die expressis verbis von einem Planeten handelt, ist skandalöser Weise nirgends vollständig publiziert worden, sondern nur in Auszügen und per Summary. Sie handelt in der Hauptsache von der Ehefrau des Jupiter, die infolge einer Vergiftung in einen Luchs verwandelt wird. Die Story beginnt mit der Feststellung, Jupiter, genannt "Dämmerungsherz" habe eine Tochter, die vor dem Jupiter aufgehe. Zu der Zeit, als Bleek die Geschichte aufschrieb, war die Jupiter Tochter, genannt "Dämmerungsherzkind", alpha Leonis, d.i. Regulus. Jupiter verschlingt diese Tochter und speit sie später wieder aus. Näher wollen wir uns auf die mysteriöse Mär hier nicht einlassen.Es genügt zu wissen, daß die Buschmänner Planetenbewegungen zu "erzählen" verstanden. Nirgends teilt man uns mit, wer wohl Mantis sein könne, aber Selbstverständlichkeiten werden eben nie mitgeteilt, was die Kulturgeschichte so schwierig macht. Der Jupiter ist Mantis mit Sicherheit nicht, dagegen sprechen wenige aber gravierende Momente für den Merkur.

Kaggen und die ihm entsprechenden, meist insektengestaltigen, Wildgeister anderer Buschmann und Pygmäenvölker (Gabun, Ituri, Kivu) sind "eulenspiegelartige Tricksterwesen", um es mit Baumann zu sagen, der eine Liste der Charakteristica von Buschmann und PygmäenWildgeistern aufgestellt hat (1939, 221, 218). Der kleine Gewitzte, der seinen Mitkreaturen jede Art von Schabernack spielt und dank seiner Listigkeit und seiner Schnelligkeit aus jedem Schlamassel doch wieder heil herauskommt, ist generell der Merkur; er wird später zum besonderen Schutzherren der Diebe und ist Ihnen aus Märchen über den "Meisterdieb" bekannt. (Damit Sie nicht wähnen, selbiges Märchen sei der deutschen Volksseele entquollen: zum ersten Mal schriftlich fixiert hat die Geschichte der Herodot, die Ägypter hatten sie ihm erzählt, 485-425 v.Chr.).

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Mantis und seinesgleichen ist, wiederum mit Baumann, "Prophet, Seher und Orakelwesen"; bei den Kung Buschleuten in SW Afrika (heutzutage Namibia geheißen) heißt das Würfelorakel direkt nach dem dafür zuständigen Khn (s. Baumann, 218 A2):"Dieses Würfelorakel ist fraglos so alt wie die Jägerkultur selbst, das zeigt die afrikanische Verbreitung deutlich." Der Merkur ist später der tricksterhafte Herr des westafrikanischen Orakelbrettes; in der Gestalt des Fenek, des winzigen Wüstenfuchses, fungiert er als Orakelgott bei den, später noch zu erwähnenden, Dogon im Nigerbogen; daß er dort als die wichtigste kosmogonische Potenz fungiert, sei nur beiläufig erwähnt. Bei unseren teutonischen Vorfahren war Merkur/Odin zuständig für das Würfelspiel, und noch unser junges Schachbrett mit seinen 64 Feldern repräsentiert das magische Quadrat des Merkur (Orakel der !Kung s.Lorna Marshall, Africa XX, 32,1962, p222 f.; s.a.Schmidt UdG 4,572 ff.)

Kaggen bezeichnet sich, anläßlich der Wiederbelebung seiner getöteten Schwester Blau-Kranich als "Tinderbox", Feuerzeug. Der ihm entsprechende Tore bei den Ituri Pygmäen gilt als Bewahrer des Feuers (Paul Schebesta bei HB 1939, 218). Ich bin den Feuer Mythen bei den Wildbeutern noch nicht nachgegangen, muß Ihnen also weiteres Material schuldig bleiben. (Nur in Klammern sei die Stammkundschaft daran erinnert, daß die ausgestorbenen Wildbeuter von Tasmanien behaupteten, sie hätten das Feuer von alpha/beta Geminorum erhalten). Aber das babylonische Götterpaar Bilgi und Nusku, "gods of fire... the companions of Shamash (der Sonne)...represent the seventh planet Marcury" (Lewy, Hildegard and Julius. "The God Nusku," Orientalia, vol. 17 (1948), pp. 146-59.f.; s.a.Hommel: Grundriss 87,A.5, 121).Welcher von beiden, Bilgi und Nusku, Merkur als Morgenstern, und welcher Abendstern sei, scheint noch ungeklärt. Der homerische Hymnos an Hermes erklärt (111): "Hermes erfand als Erster das Feuerzeug und das Feuer". Was natürlich nicht heißt, Merkur sei der einzige Feuerbringer, wie Sie noch sehen werden. Aber sein größter Konkurrent, Saturn/Prometheus, kommt als Urbild der Mantis überhaupt nicht in Frage: der Trickster gehört definitiv nicht zu den Rollen des Saturn.

Besonders bedenkenswert ist, daß Mantis aus dem Auge, dem Ball, seines Sohnes !Gaunu wiederbelebt, weil es in Ägypten Thot/Merkur gewesen ist, der das beschädigte und verlorene Horus Auge wieder repariert, wieder "voll macht". Auf das verlorene Auge müssen wir im Seminar zurückkommen, aber es ist besser, schon jetzt zu bekennen, daß vorderhand nicht herauszukriegen ist, was so ein "Auge" präzise meint; sicher ist nur, daß es sich nicht so simpel um Mondphasen handelt, wie "nahe" eine solche Lösung auch liegen möge, allein die entscheidende Mitwirkung des Merkur schließt das aus.

Was die Linkshändigkeit anlangt, durch die sich Mantis auszeichnet, so ist das Material äußerst dürftig, ich habe aber auch noch nicht direkt danach gesucht, da solche speziellen Fahndungsaktionen jeweils Monate, wenn nicht Jahre verschlingen. Auf dem polynesischen Tahiti, also im Hochkulturgebiet, ist der kriegerische Merkur das linke Auge Ateas, die friedliche Venus das rechte, und der aztekische Kriegsgott Uitzilopochtli, dessen Name "Kolibri von links" bedeutet, reimt sich auch nur auf den Merkur. Damit ist kein Staat zu machen, ebensowenig damit, daß der große Wildgeist bei den Kung Buschmännern in SW Afrika (L. Marshall,op.cit.223) sieben Namen hat. Zwar wird der babylonische Merkur/Nabu, direkt "der Planet mit sieben Namen" geheißen (Peter Jensen: Die Kosmologie der Babylonier. Studien und Materialien, p47), und auch der chinesische Merkur soll, laut Léopold de Saussure (p436) sieben Namen haben, aber mindestens ebenso häufig, wenn nicht häufiger, tritt der Mars als der Sieben Namige auf, und ein verständiger Zuhammenhang zwischen Sieben und Merkur Perioden lässt sich vorderhand nicht herstellen.

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Bei diesen unzulänglichen Daten wollen wir es bewenden lassen; die betonte Tricksterhaftigkeit des Kaggen und seine Herrschaft über das Wurforakel überzeugen mich ausreichend von seiner Merkur Natur, aber das braucht Sie ja nicht zu kratzen. Natürlich ist es ausgemacht fatal, daß man sich der Buschmann Mythologie erst angenommen hat, als es schon zu spät war; die Buren haben es vorgezogen, sie abzuknallen. Es muß, über die Fragmente der Mär von Jupiter/ Dämmerungsherz hinaus auch andere Mythen gegeben haben, in denen die handelnden Personen, und ganz speziell der Merkur, bei ihren Planetennamen genannt wurden. Das ist umso wahrscheinlicher, als die den Buschmännern besonders nahestehenden Hottentotten den Merkur "Tagesanbruchstern" nennen (Joseph Wischnewski, Afrikaner und Himmelserscheinungen p55; nach Leonhard Schultze: Aus Namaland und Kalahari, Jena 1907, p367), und von der Venus wissen, daß sie Morgen und Abendstern ist (Joseph Wischnewski, Afrikaner und Himmelserscheinungen, p59). Als Morgenstern heißt sie "die Vorläuferin".Daneben ist noch eine, typisch Venus-hafte, Bezeichnung üblich, nämlich "Stern, bei dessen Erscheinen die Männer davoneilen, um nicht in unrechtmäßigem Liebeslager vom Tage überrascht zu werden... Als Abendstern heiß sie .... "der Abendflüchtige"."

Beweisen, wie gesagt, lässt sich die Planeten Natur der Menschen oder Insektengestaltigen Wild Eigner nicht.Wenn wir aber die Hypothese für einmal gelten lassen, könnte man einen Vorschlag hinsichtlich unserer frankokantabrischen Felsbilder wagen. Von den Abchasen hatten wir gehört, ein Jäger könne kein Wild erlegen, dessen "Schatten" nicht zuvor in der Oberwelt von dem menschengestaltigen Tierherren getötet und von seiner Familie verspeist worden sei; von dem "Great father up in the sky" der nordaustralischen Murngin, er esse die Tiere und, stapele deren Knochen auf; allerdings sagen die Murngin, er lasse, grad zu Fleiß, keine Knochen auf die Erde fallen, aber täte er's wirklich nie, so gäbe es ja keine Känguruhs, Iguanas, Fische usf.. Von den Serente vernahmen wir, daß gute Jäger von Mars und Venus ausgebildet wurden, und generell verleihen ja diese Wildherren das Jagdglück ob nun mit oder ohne kräftige Nachhilfe mit Tabak oder Brandy. So möchte es doch wohl denkbar sein, daß die frankokantabrischen Menschen und Mischwesen Figuren z.B. der sog."Zauberer" von Trois-Frères und der sog."Vogelmann" von Lascaux keine "Zauberer" und "Priester" darstellen, wie die gängige Interpretation lautet, sondern Planeten. Das könnte dann bedeuten, daß die realen Jungpaläolithiker, die auf die Bärenkalotte schossen, oder Pfeile auf Tierbilder, besonders Bärenbilder, malten, auf diese Weise den Tierseelen besitzenden Planeten nahelegen wollten, nunmehr in der Oberwelt ein paar Exemplare der jeweils erwünschten Tierart zu erlegen, bzw, freizugeben, und sie dem Jäger unverweilt vor den Speer zu schicken. Das ist ein unverbindlicher Vorschlag; zum Aufstellen veritabler Theorien ist es noch viel zu früh. Aber die von Frobenius beobachteten Kongo Pygmäen gingen ja auch nicht auf die Jagd, ehe nicht der erste Sonnenstrahl und gleichzeitig ein Pfeil das Bild der Antilope getroffen hatte. Von "primitiver Jagdmagie" kann die Rede nicht sein.

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Was lässt uns nun das wenige hier behandelte Material unmißverständlich wissen? Zunächst und am wichtigsten: daß man "den Himmel" zum Schauplatz ungezählter poetisch aufgefasster Geschichten macht", wie es der neulich zitierte südafrikanische Ethnologe Schapera mit Berufung auf Bleek feststellte. M.a.W. die Buschmänner, bzw. ihre wildbeuterischen Vorfahren haben w e n i g s t e n s den Grundstein zur Fachsprache gelegt, sie haben Himmelsbewegungen "erzählt". Wobei ein paar Bemerkungen zur Verfahrenstechnik zu machen sind:

Die Struktur der Welt lässt sich nur in mathematischen Formeln ausdrücken. daran sind wir seit Jahrhunderten gewöhnt. Die einzige andere mögliche Technik ist die, zu erzählen, wie es zu dieser Struktur gekommen ist. Früher, once upon a time, heißt es dann, waren die Dinge so und so, dann aber passierte etwas, und seither sind sie so und so (Todesursprungsmythos).Dabei ist der dargestellte "Urzustand" auf gar keinen Fall ernst zu nehmen, er ist nicht etwa "geglaubt" worden, jedenfalls nicht von dem brain trust, der die mythische Fachsprache konstruierte. Der Urzustand dient dazu, um das jetzige So Sein der Welt davon abzuheben. Wenn Sie die Schiefe der Ekliptik erzählen wollen, so schildern Sie den Urzustand, als Äquator und Ekliptik und deren Achse noch beisammen waren, Vater Himmel und Mutter Erde noch vereint, und lassen die Welteltern dann getrennt werden; in beinahe allen Fällen besorgt das der äußerste,"höchste" Planet Saturn. Noch Milton hat in "Paradise Lost" die Schiefe der Ekliptik auf mythische Manier "erzählt". Nach diesem Muster wird allenthalben verfahren. Später, und most sophisticated, erzählt Platon die Struktur des Kosmos, indem er den Demiurgen eine Armillar-sphäre bauen lässt.

Wie es in der "Urzeit" oder "Traum-Zeit" der Wildbeuter angeblich hergegangen ist, darüber werden unterschiedliche Formulierungen gebraucht. Bei den Buschmännern gab es früher nur die "Early Race", das sogenannte Urbuschmanngeschlecht, das waren Sterne, Tiere, Regen, Wind, Sonne. "The stars were formerly peoplell (Short Account 8). "The Frog was a person, the Blue Crane was a person.They were people of the Early Racelt (Mantis 26). Die Südaustralier sagen (Smyth, Smyth, R. Brough, Vol. 1, p431):"The stars were formerly men.The progenitors of the existing tribes whether birds or beasts or men were set in the sky, and made to shine as stars if the deeds they had done were mighty, and such as to deserve commemoration. The Eagle is now the planet Mars (vgl. p460), and justly so, because he was war like, and much given to fighting. (Die Sterne waren früher Menschen. Die Vorfahren der verschiedenen Stämme ob Vögel,Tiere oder Menschen wurden in den Himmel gesetzt, wo sie als Sterne leuchten, wenn sie große Taten verrichtet hatten und solche, die es verdienen, erinnert zu werden. Der Adler ist jetzt der Planet Mars, und das mit Recht, denn er war kriegerisch und, dem Kampf ergeben).

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Bei den Toba und ihren Nachbarn im Gran Chaco gingen "beim Sintbrand ... verschiedene Menschen und Tiere, wie Strauß, Hund und Viscacha als Sternbilder an den Himmel... Die auf Erden verbliebenen Menschen kamen nach dem Brand mit einer Ausnahme als Tiere wieder zum Vorschein, nachdem sie sich in Höhlen verborgen hatten", m.a.W. vor dem Sintbrand, in der Urzeit gab es auch bei den Toba eine "Early Race", alle Wesen waren gleich, und erst anlässlich des Sintbrandes erfolgte die Trennung in Sterne, Tiere und Menschen.Wir hatten ja auch von den Serente gehört, "In den Tagen als der Sonnengott noch auf der Erde weilte, waren alle Tiere Menschen", und in der Sipaia Geschichte vom zwerghaften Herrn der Wildschweine hieß es, ursprünglich seien alle Wildschweine Menschen gewesen.

Von den nordaustralischen Murngin erfahren wir (William Lloyd Warner, p543):"Inside the world there are plenty of black men.They sit down inside.... Im Innern der Welt gibt es viele schwarze Menschen. Sie sitzen drinnen. Wir leben oben drauf (on top). Unsere alten Leute denken, daß es oben in den Sternen eine andere Welt gibt. Die Welt, in der wir leben, ist eine zweite Welt, und da ist noch eine andere innerhalb von unserer.Das Land ganz im Innern ist ganz wie unseres. Oben (in den Sternen) leben die Wongar Menschen, hier leben gewöhnliche Menschen und darunter leben solche, die beinahe so wie Menschen sind.Sie haben sehr große Zähne und einen sehr großen Mund." Die Wongar Menschen, die oben/draußen leben, in the stars, sind die australische Early Race. Die Redewendung "in the time of Wongar" erläutert Warner (p592): "Wongar Zeit bezieht sich auf die mythologische Periode, als die Totems die Erde bewohnten und häufig wie Menschen waren. Wongar Menschen und Wongar Tiere sind Totem Vorfahren und Totemtiere." Bei welcher Gelegenheit Sie gleich lernen können, daß, Totemvorfahren, ob menschliche oder tierische, Sterne waren und nicht anderes. Die Behauptung ungezählter Reisender, Psychologen und Ethnologen, zig Stämme in allen Kontinenten "glaubten nämlich", von terrestrischen Papageien, Krokodilen, Känguruhs,Wölfen etc.abzustammen, diese Behauptung ist unzutreffend. Mancher kleine Moritz, an denen es nirgends und niemals gehapert hat, mag derlei "glauben", wie denn 90% unsere Zeitgenossen den allerärgsten Unfug glauben. Die "Erfinder" des Totemismus verstanden unter den "Tieren" von denen sie abstammten, Sterne: Die Wongar leben "up above...in the stars"; die Murngin sagen das deutlich, es hört ihnen halt keiner zu.

Die Wildbeuter also, die letztlich aus dem Jungpaläolithikum, stammen, sprechen eine Fachsprache, die im Zweifelsfall ihre fernen Vorfahren geprägt haben. Wir verstehen sehr wenige ihrer Stories, am wenigsten die der Buschmänner, und das ist nicht etwa nur meine private Meinung. Baumann sagt z.B. (Schöpfung 8):"Während fast alle Formen des Negermärchens und Mythus uns durch die europäischen Volksmärchen und Mythen vertraut und verständlich erscheinen, stellen sich uns hunderterlei Schwierigkeiten beim Verständnis eines Buschmannmärchens entgegen, die selbst der beste Kenner, Bleek, nur zu oft nicht zu lösen vermochte." (S.7):"Immer sprengen die in unserem Sinne absurden, grotesken Einfälle den Rahmen des bei Negervölkern Gewohnten. Alles ist anders die Wandlungen von Tier und Mensch, die Gewalt über die Gestirne, die Abenteuer der Seele, die Funktion des Körpers usw."(Vke 84):"Angesichts ihrer religiösen Vorstellungen, ihres magisch beherrschtenn Denkens und ihrer ungehemmten Phantasie scheint es uns fast, als ob die Neger uns zeitlich so nahe gerückt werden, wie die Buschmänner uns immer mehr in die Vorzeit des Menschentums entgleiten."

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Dieser "Eindruck" ist richtig. Aber stimmt es, daß wir, lassen wir die Negermärchen beiseite, 'unsere Mythen und Märchen verstehen? Baumann sagte ja auch vorsichtig, sie erschienen uns vertraut und verständlich. Wir sind an sie gewöhnt, das ist alles. Und die Stories von Buschmännern, Tschuktschen, Naskapi, Südaustraliern muten uns fremd an. Eben darum, weil ihr Timbre so ungewohnt ist, lassen wir sie jetzt auf sich beruhen: auch ein oberflächliches "Sich hinein Lesen" würde zu viel Zeit verschlingen. Ich möchte nur bemerken, daß ich auf die kosmologische Fachsprache erst gekommen bin, d.h. von dem Material darauf gestoßen wurde, nachdem ich viele tausend. Seiten polynesischer Mythen gelesen hatte und zu der deprimierenden Überzeugung gekommen war, daß ich schlechterdings nichts verstand. Von den Polynesiern aber, den besten Navigatoren unseres Planeten, mußte man erwarten, daß ihre, erschrecklich vielen, auf das sorgsamste überlieferten Mythen "Sinn" machten; was sie natürlich auch tun, genau so wie die der Buschmänner, mögen die sich auch noch so fremd ausnehmen.

Was wir weiter gelernt haben: eine unauflösliche Zusammengehörigkeit und Interdependenz himmlischer und irdischer Phänomene ist im Wildbeutertum konzipiert, Sternbilder sind geprägt, Sternaufgänge mit dem Jäger und Sammler Jahr gekoppelt, Brutplätze von Tierarten mit den Namen der entsprechenden Tierkonstellationen benannt worden. Planeten sind bekannt; von einer Betonung der Fünf oder aber, unter Einbeziehung von Sonne und Mond, der Sieben kann die Rede nicht sein. Venus und Mars treten als Tierherren auf, Jupiter gehört bei den Serente zur Sonnenklasse und spielt eine gewichtige Rolle in der Kham-Buschmannstory vom Dämmerungsherz. Saturn und Merkur sind uns expressis verbis nirgends im Wildbeuter Mythos begegnet, was mich wenig beeindruckt und mich auch nicht davon abschreckt, die Mantis für den Merkur zu nehmen.

Sollte es ein System der Zuordnung von Planeten zu Sternbildern gegeben haben, was angesichts der Vorliebe von Kaggen für sein Eland und später für Hartebeest, angesichts der "Felder" von Fuchs und Tapir in Scorpius und Sagittarius Sternen bei den südamerikanischen Chiriguano und angesichts der diversen bevorzugten "Reit- Tiere" der Tiereigner denkbar wäre, so kann man ein solches, wenn schon denkbares, System aus der trümmerhaften Tradition zufriedenstellend nicht rekonstruieren. Jetzt jedenfalls noch nicht.

Von einer präzisen Einteilung in Himmelszonen, von einem Gradnetz, ist wenig bis nichts zu bemerken; die diversen Anspielungen auf Gehege, Kisten, Hürden sind zu vague; ausschließen aber kann man die Möglichkeit eines, wie auch immer gearteten, Koordinatensystens nicht. Verdächtig ist da z.B. das Wasser "oben" in das Mantis das Auge seines wiederherzustellenden Sohnes !Gaunu legt.

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So viel wird man erst einmal sagen dürfen, 1) daß die Fixierung auf den Sternenhimmel ihren Ursprung dem Eindruck verdankt, den die erkannte Regelmäßigkeit der zyklischen "Heimkehr" die Buschmänner formulieren mit Vorliebe "Rückkehr" von Sternen und Planeten gemacht hat, 2) daß diese sehr viele Jahrtausende währende Fixierung auf die einzig periodisch zuverlässigen Phainomena, die Sterne, auf das Jungpaläolithikum zurückgeht. M.a.W. der homo sapiens hat anscheinend spornstreichs nach seinem Ins LebenTreten begonnen, den Sternhimmel sorgsam zu beobachten und ihn als eine verläßliche Uhr zu verstehen, die die Stunde für alle irdischen Vorgänge anzeigt, besser: diktiert.

Das ist bedeutsamer, als Sie auf Anhieb gewahren. Wir haben es von Beginn an mit einer Uhr zu tun, und Zeit ist die einzige Dimension, die in alten Zeiten gezählt hat. Das ist für uns, die wir auf Raum und optische Wahrnehmung gedrillt sind., schwer zu realisieren. So reden wir denn immerfort von Welt "Bild", von Welt "Anschauung", anstatt die Kunst der Fuge zu assoziieren. Es ist ja doch das Ohr, das Zeit und Rhythmus wahrnimmt. Sie haben ja auch mal, gelernt:"Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang", und Sie haben im, 19.Psalm vernommen: "Die Himmel sprich: die Planetensphären die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Veste lies: der Tierkreis verkündet das Werk seiner Hände. Ein Tag strömt dem anderen die Botschaft zu, und eine Nacht gibt der anderen Kunde. In alle Lande geht ihre Meßschnur aus, und ihre Worte bis an das Ende des Erdkreises". Und später, aber noch vor Bach, kann man vernehmen:"Man wird sich...nicht mehr wundern, daß die Menschen diese so ausgezeichnete Anordnung der Töne oder der Tonleiter aufstellen, wenn man sieht, daß sie dabei eigentlich keine andere Rolle als die von Nachahmern des göttlichen Schöpfers spielen, und gleichsam ein Drama von der Anordnung der Himmelsbewegungen aufführen". Und: "Es ist nicht mehr verwunderlich, daß der Mensch, der Nachahme seines Schöpfers, endlich die Kunst des mehrstimmigen Gesanges, die den Alten unbekannt war, entdeckt hat. Er wollte die fortlaufende Dauer der Weltzeit in einem kurzen Teil einer Stunde mit einer kunstvollen Symphonie mehrerer Stimmen spielen und das Wohlgefallen des göttlichen Werkmeisters an seinen Werken so weit wie möglich nachkosten in der so lieblichen Wonnegefühl, das ihm diese Musik in der Nachahmung Gottes bereitete." Das schrieb J. Kepler in seiner Harmonices mundi libri V (Harmonice Mundi.Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1939. Übersetzt und eingeleitet von Max Caspar, 6, 320, 328, 499).

Der Kosmos war eine Superuhr mit sieben Zeigern dort, wo man die Mondknoten als unsichtbare Planeten einbezog, mit neun Zeigern und, mit einem langsam sich drehenden Zifferblatt; kein Schrumpführchen wie die unseren, auf denen der kleine Zeiger Sonne spiel der große Mond. Ganz gewiß, die Konzeption solcher gigantischen Zeitmaschine ist ein Werk der Hochkultur, aber die Fixierung auf die Zeit als die maß-gebende Dimension, die stammt schon ans dem Wildbeutertum, und zwar auf zy k 1 i s c h e Zeit; kyklos ist der Kreis, und die Zeit eine gleichmäßig kreisende.

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Mit nackten Worten wird das erst von Griechen gesagt, aber das Vorherrschen zyklischer Zeitaufassung läßt sich für älterePerioden erschließen, wenn Sie nur ein wenig über die Geschichten nachdenken, die wir gehört haben; nicht nur darüber, daß die Tierseelen "wiederkommen", wenn das entsprechende Sternbild aufgeht. Die schiere Existenz des Wurforakels oder gleichwelcher Divination verrät Ihnen die zugrundeliegende Auffassung von der zyklischen Zeit, genau so wie das die Ihnen vertraute Märchen tun. Jede sog. "Hilfsalte" tut das, die den dritten Königsohn auf zukünftige Gefahren auf seinem Abenteuer Wege hinweist und vorbereitet, oder die der Prinzessin oder einem Aschenbrödel Nüsse mit darin enthaltenen großen Abendgarderoben aushändigt, welche Kleider das Mädchen bei bestimmten bevorstehenden Gelegenheiten brauchen wird; Prinz und Königstochter bewegen sich auf Kreisbahnen, und eben darum kann man wissen, was ihnen bevorsteht.

Die Zeit als die maß-gebende Dimension, das gilt nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne, wenn auch dies erst in griechischer Zeit deutlich ausgedrückt worden ist. Bei Aristoteles (Phys. 223 B 29) finden Sie die gleichförmige Kreisbewegung als das Maß aller Maße bezeichnet, und die Angabe "die Zeit selbst scheint ein gewisser Kreis zu sein (ho chronos autos einai dokei kyklós tis). In Phys. 218 A 33 vermerkt Aristotels, "die einen sagen, Chronos d.i. die Zeit sei die Bewegung des Ganzen, andere, er sei die Kugel selbst" (die Fixsternkugel). Aetius (1.21.1.Doxograph 318) macht für die Gleichsetzung von Chronos mit der Fixsternsphäre den Pythagoras verantwortlich: "Pythagoras to chronon tên sphairan tou periechontos einai." Woher der Pythagoras seine Lehren hat, darüber haben wir im Seminar gesprochen: aus dem Alten Orient. (Bedeutung der Worte perihodos und sphaira).

Ehe wir auf die Bedeutung von Zeit und Maß etwas gründlicher eingehen, seien ein paar Beispiele dafür angeführt, was aus einem Kosmos wird, den Leute geprägt haben, die ich der Kürze halber "timers" getauft habe, wenn er in die Hände von "spacers" gerät, wie unsere Schriftgelehrten sie repräsentieren.

Das erste Beispiel fiel mir schon früh auf den Wecker; ich fand da in Sekundärliteratur wiederholt die Angabe, die Totenseelen von Mangaia (d.i. die Hauptinsel der polynesische Austral Islands) begäben sich mit der untergehenden Sonne nach Westen, punktum, das Jenseits also befindet sich, wie die sog."Urheimat der Polynesier" im Westen. Als ich den Originalbericht des Missionars William Wyatt Gill aus dem Jahre 1876 zu Rate zog (156 ff, 185 ff , eigene Habil.Schrift.p118), stellte sich heraus, daß nach dem Jenseits nur Sammeltransporte stattfinden, und zwar nur anläßlich der Solstitien, weshalb die meisten Totenseelen sich noch eine ganze Weile auf der Insel herumtreiben müssen. "The great delight of these weeping, melancholy spirits, was to follow the sun. At the summer solstice, January (sic!) he apparently rises out of the ocean opposite to Ana-kura..., at the wintersolstice, June, rising at Karanga iti ... These points became, therefore, grand rendezvous of disembodied spirits: those belonging to the northern half of the island assembled at ... Karan. ga iti; those, by far the greater number, belonging to the southern half of the island meeting at ... Ana kura."

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Gill bedauert den Verspäteten, der so ungünstig stirbt, daß er gerade noch rechtzeitig kommt, "to see the long annual train disappear with the glowing sun. The unhappy ghost must wait till a new troop be formed for the following winter." Warum die Solstitien wichtig sind, wird nicht verraten. Ich vermute, weil an diesen Terminen in unserem Pisces Weltalter Gemini und Sagittarius aufgehen, woselbst sich die Kreuzwege von Ekliptik und Milchstraße finden, und die polynesischen Totenseelen halten sich, wie die der meisten anderen Kulturprovinzen, zwischen den Inkarnationen in der Galaxie auf. Was die viel beredete "Urheimat" der Polynesier, Hawaikii/Hawaii, angeht, wohin sich die Totenseelen begeben sollen, und die unsere Ethnologen in Indien suchen, so sagt ein Maori Text klar und deutlich, sie sei markiert durch alpha Geminorum.

Das war ein relativ harmloses Exempel, die weiteren sind gravierender. Wenn man in einer Relation Bewegung und Veränderung jeweils dem "falschen" Partner zuschiebt, muß man die abenteuerlichsten Kurven austüfteln, um die Phänomene zu retten, wie das z.B. die Geozentriker tun mußten. Solch antikopernikanisches Prinzip regiert aber nach wie vor die Gedanken der Kulturhistoriker. Die verfechten da z.B. die Erfindung "neuer Götter", beschäftigen sich mit der "Ausbreitung des Osiris Kultes", den irgendwelche ägyptischen Priester sollen erfunden haben, obwohl uns doch so unmißverständlich in ungezählten Bildern und Texten vorgeführt wird, daß der Osiris eine Mumie, daß er gestorben und zum Herrscher des Totenreiches geworden ist. Da ist kein neuer Gott samt neuem Kult kunstreich ersonnen worden, sondern unter seinem neuen Namen Osiris ist ein Stern X zum Herren des Totenreiches aufgerückt. Wie der Osiris hieß, solange er "lebte", wissen wir vorläufig genau so wenig wie, was der Begriff "leben" für einen Planeten oder Fixstern exakt bedeutet hat.

Oder aber, der Assyriologe Eric Burrows, S.J. sagt bezüglich mesopotamischer Tempel: "Man könnte beinahe ein Gesetz formulieren, daß im Alten Orient zeitgenössische kosmologische Doktrin in der Struktur der Tempel registriert worden ist." "Zeitgenössische kosmologische Doktrin". wer oder was bewegt sich denn da wirklich? Die Doktrinen oder die Götter nebst ihren Behausungen? Wir wissen ja schließlich, daß jeder Tempel sein Horoskop hatte; was sich unaufhörlich ändert und bewegt, sind nicht die kosmologischen Doktrinen, sondern die Himmel, und, diesem Umstand haben die Tempel Architekten Rechnung getragen. Oder aber, Grupe (1097) beschreibt den griechischen Götterstaat und konstatiert: "Das Göttervolk besteht... aus denjenigen Göttern, die durch ihre Namen offenbar an ein bestimmtes Naturobjekt, an eine bestimmte Zeit oder an eine bestimmte Funktion gebunden waren... Zu Titanen eigneten sich besonders solche Wesen, die...im Kultus hoch gefeiert wurden, jedoch nicht in der Zeit und. in den Landen der Dichter". Auf die, nicht allzu weit hergeholte Idee, daß dieses "nicht in der Zeit und nicht in den Lande" Sein ein Zustand oder ein Merkmal der Titanen sein könnte, auf die Idee ist seit rund 200 Jahren keiner verfallen was sich ändert, müssen allemal die sog."Dichter" sein.

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Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren; der arme Homer etwa soll den Dionysos noch nicht gekannt haben er war, wie Osiris, eine neue Erfindung , weil der in Ilias und Odyssee unter diesem Namen nicht auftritt, und generell ist von "Lokalgöttern' und "Lokalkulten" die Rede, und niemals davon, daß loci, Orte, terrestrische Spiegelbilder himmlischer topoi sind, und die hienieden mit Kulten geehrten "Götter" Planeten, die zu einem bestimmten, unverwechselbaren Zeitpunkt die himmlischen topoi besuchen und damit den Auftakt zu terrestrischen Feierstunden geben. Kurzum, was "spacers" mit den Konzeptionen von "timers" machen, ist geradezu ungeheuerlich, und damit Sie nicht von einer Anfechtung in die andere verfallen, gewöhnen Sie sich tunlichst, zugleich mit den "Dichtern" und dem "glauben" die Wörter "Weltbild" und "Lokalgottheit" gründlich ab. Wir wollten uns aber auf die Zeit und das Maß etwas näher einlassen, speziell auf die Rolle, die das Maß gespielt hat, noch genauer: die Maßnorm, weil wir damit auf den Kernpunkt der Hochkultur stoßen, die Entdeckung, daß die Welt numero, mensura, pondere, nach Maß Zahl, Maß und Gewicht konstruiert sei, wie es in der Weisheit Salomos (11.20) formuliert ist. Um es deutlicher zu sagen: die Grundlage der Hochkultur haben die mathematici gestiftet mit ihrer Entdeckung des Zahlenskeletts hinter den begegnenden Phänomenen, weswegen ich gerne die Entstehung der Hochkultur, an Stelle von "urban revolution" als "Ausbruch der Mathematik" bezeichne. Und richtig, gleich zu Beginn der Hochkultur stoßen wir auf normierte Maße, manche Scholaren datieren sogar die Maßnorm noch höher hinauf als die Schrift, was mir indessen nicht unbedingt einleuchtet.

Der Musik-Ethnologe Erich von Hornbostel hat sich in seinem Artikel '"Die Maßnorm als kulturhistorisches Forschungsmittel" (Festschr.P.W.Schmidt,1928, 329 ff.) folgendermaßen geäußert: "Die grundlegende Tatsache ist nicht die 'Erfindung' eines Maßsystems oder die Einführung von Meßgeräten, sondern die Normierung; ihre historische Einmaligkeit folgt aus ihrem Wesen. Den praktischen Bedürfnissen des Baumeisters, Handwerkers, Feldmessers und, Kaufmanns genügen einfache Hilfsmittel ein Stab, eine Schnur, die natürlichen Körpermaße , um Größen einander gleich zu machen oder gleichmäßig zu unterteilen; das einfachste Teilungsverfahren wäre die fortgesetzte Halbierung: die absolute Größe des Meßgerätes würde sich jeweils nach der Verwendung richten. Normierung wäre sinnlos, überflüssig, oft sogar unzweckmäßig: wozu sollte ein Ziegel 33 cm lang sein und nicht 35, eine Flöte genau so lang sein wie ein Backstein? Nicht für den profanen Nutzen beim Tagewerk ist die Norm geschaffen. Die Götter der Weltwissenschaft haben sie gesetzt: in Babylon Nabu, der... 'Herr des Meßrohrs', in Ägypten Thot, dem die heilige Elle geweiht ist. Die Ordnung der Welt wird mit der Welt zugleich erschaffen."

Sowohl Nabu als auch Thot sind der Planet Merkur, und die Formulierung "Die Ordnung der Welt wird mit der Welt zugleich erschaffen" ist unzureichend und irreführend: jede sog. "Weltschöpfung" ist eine Weltvermessung, wie Sie noch sehen werden: schöpfen bedeutet vermessen.

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Wir sind heutzutage nicht gerade dazu prädestiniert, die Etablierung der Maßnorm zu würdigen, weil wir uns selten oder nie klar machen, wie unsere eigenen Längen Hohl-und Gewichtsmaße eigentlich zusammenhängen, geschweige denn, daß wir uns fragten, von wannen die alten Maße denn wohl könnten abgeleitet sein, d.h. welche Art von absolutem Maß-stab die Natur uns zur Verfügung stellt. Evolutionsgläubige genieren sich nicht, uns die "durchschnitiliche Länge" eines Weizenkorns als grundlegendes Längenmaß anzubieten. Nun, Mutter Natur liefert uns Zeitmaße und die aus der Teilung einer gespannten Seite sich ergebenden Intervalle: die normierten Maße sind vom Zeitmaß abgeleitet, genauer gesagt, die goldene Meßschnur, Homers seirê chryseiê, ist die Sonne, sprich das Jahr (Theaitetos, 153 C). Und auch im Rigveda heißt es 5.85.5 (HYMN LXXXV, an Varuna): "Dieses große Kunststück des asurischen Varuna will ich ... verkünden, der... die, Erde mit der Sonne als Maßstab ausgemessen hat."

Da es für die Entdecker des mathematischen Kosmos undenkbar war, daß da zwei Maßstäbe existieren sollten, ohne miteinander zu tun zu haben, sehen wir allenthalben in dem Bestreben, harmonische und Zeitmaße zu koordinieren. Einen der letzten derartigen Versuche hat Kepler in der Harmonice Mundi gemacht, aber die Konzeption von der musikalischen Harmonie der Planetensphären, von Apollons siebensaitiger Leier u.dgl. mehr, die ist allerspätestens pythagoräisch.

Da ich eine Vorliebe für besonders absurde survivals habe, sei hier der Anfang einer Tungusen Mär zitiert (*FFC 125, p90): "Als Gott. auf die Erde kam, begegnete er Buninka, dem Teufel, der ebenfalls am Schöpfungswerk interessiert war. So gerieten sie in Streit miteinander. Der Teufel wollte die gotterschaffene Erde vernichten und zerbrach das zwölfsaitige Musikinstrument Gottes. Gott geriet darüber in Zorn." Der Rest ist irrelevant; was zählt, ist allein die Vorstellung, daß man eine Erde ruinieren könne, indem man ein zwölfseitiges Musikinstrument zerteppert, wobei ich an den schon erwähnten Vorfall erinnere, wie nämlich Apollon in einem Anfall von Reue seine Leier zerbrach, nachdem er den Flötenspieler Marsyas getötet und geschunden hatte. S e l b s t redend gehört diese Story nicht zum Ur-Eigentum der Tungusen, "beyond the Baikal", wie der sie mitteilende Uno Harva/Holmberg (*MAR 4,329) selbst hervorhebt: " ... Gott und der Teufel als Rivalen, das Saiteninstrument, etc .... are features which can by no means be reconciled with the original circumstances and beliefs of the Tungus." Dies aber nur nebenbei.
Am optimistischsten haben sich Chinesen über das Zusammenwirken von Kalender und Stimmpfeifen geäußert. Im Ta tai Li Chi aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert heißt es (Needham 2, 270,268) :" The pitchpipes are in the domain of Yin but they govern Yang proceedings. The calendar comes from the domain of Yang, but it governsYin proceedings. The pitchpipes and the calendar give each other a mutual order, so closely that one could not insert a hair between them." //s.Ssu ma ts'ien.2,293//

*(FFC = Folklore Fellows Communication, Helsinki u.a. 1907, sqq.)

*(MAR = The Mythology of all races .. (Volume 1 - 12), Gray, Louis H. (Louis Herbert), 1875-1955, Boston, Marshall Jones Company)

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Über die fundamentale Rolle des Maßes, insonderheit in alten sog. ,Religionen' wüßte man männiglich Bescheid, wenn uns nicht die Schriftgelehrten in schöner Einmütigkeit allemal "Wahrheit" übersetzten, wenn sie auf das Maß stoßen, d.h. auf sumerisch me , Akkadisch parsu , auf Ägyptisch maat. In Indien nennen sie's rta, in Persien asha. Über die nuancierten chinesischen termini orientiert sich jeder Interessierte tunlichst selbst, und zwar in Joseph Needhamts Werk "Science and Civilization in China" im 2.Band (erschienen 1956, p553 f ) , wo er den Begriff Naturgesetz, und im 4.Band Teil 1 (erschienen 1962, p199), wo er die Akustik abhandelt. Darüber hinaus rate ich zur Anschaffung von Marcel Granet's opus "La Pensee Chinoise", bzw. der guten deutschen Übersetzung von Manfred Porkert "Das Chinesische Denken" (Piper Paperback), zwecks Vertiefung in das umfängliche Kapitel "Die Zahl"; das ist ein gutes Vorbeugungs Serum gegen den Virus der Simplifikation. Da wir mit einem Kosmos zu tun haben, der den Menschen miteinbezieht, so bedeuten me, maat, rta, asha etc. beinahe selbstverständlich auch das Sittengesetz und stellenweise, wennn's denn unbedingt sein muß, auch "die Wahrheit", der unklarsten Begriffe einer, aber erst einmal ist maat das normierte Meßrohr und die Flöte (Hornbostel 321), und die sogenannte "Göttin" Maat pflegt in der Form einer Feder oben in der Mitte über der Waage oder in einer der Waagschalen zu sitzen, woraus erhellt, daß man es mit dem Wiegen und Messen genau genommen hat, mindestens theoretisch.

Ausführliches Eingehen auf die Maßnorm und ihre Ausbreitung verbietet sich hier. Was aber unbedingt festgehalten werden muß, ist die Priorität der Zeitmaße. und da möchte ich ihnen einen Passus von Carl Lehmann-Haupt zu Gehör bringen, aus seinem Artikel "Gewichte" in der RE, Suppl. 3, p591ff.

Was Aristoteles und Aetios über die Priorität der Kreisbewegung gesagt haben, das wurde schon zitiert (ho chronos einai dokei kyklos tis, und die Kreisbewegung sei das Maß aller Maße). Deutlicher noch kommt das Wesentliche zum Ausdruck in Platons pythagoräischem Dialog Timaios (47 A) in dem Kapitel, wo Timaios über Sinn und Aufgabe von Sehen und Hören spricht: "Die Betrachtung von Tag und. Nacht, von Monaten und den Umläufen des Jahres, von Äquinoktien und Solstitien hat die Z a h 1 gezeitigt und zu dem Begriff der Zeit geführt und zur Untersuchung der Natur des Ganzen, und dadurch sind wir zu der Philosophie vorgedrungen, welche das größte Gut ist, was dem sterblichen Geschlecht als eine Gabe der Götter zuteil ward und jemals zuteil werden wird." Wobei Sie tunlichst an Naturphilosophie denken, und nicht etwa Existentialismus oder dialektischen Materialismus assoziieren. 39 B hatte Timaios schon den Maß-Stab bei Namen genannt: "Damit aber ein deutliches Maß für das gegenseitige Verhältnis von Langsamkeit und Geschwindigkeit vorhanden wäre, mit welcher die acht Umläufe sich bewegten, so zündete Gott in den zweiten derselben von der Erde ab(en te pros gen deutera ton periodon)ein Licht an, eben das, was wir jetzt Sonne nennen, auf daß es möglichst durch das ganze Weltall schiene und die belebten Wesen, so vielen immer dies zukam, des Z a h 1 e n maßes teilhaftig würden, dessen sie durch die Umkreisung des Selbigen und Gleichartigen innegeworden."

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Die Betrachtung himmlischer periodoi also hat die Zahl gezeitigt, und so sagt denn auch der gefesselte Prometheus beim Aischylos (457), nachdem er sich gerühmt hatte, Auf- und Untergänge der Sternbilder und die Einteilung in Jahreszeiten die Menschen gelehrt zu haben, "kai mên arithmón, exochon sophismátôn, und die Zahl, das hervorragende Erkenntnismittel, erfand ich für die Menschen."

Der Pythagoras hat, so sagt es jedenfalls der Proklos, die Zahl direkt für identisch (tauton) mit der Erkenntnis und ihrem Gegenstand erklärt (nóêsis und noêtos), und für die sophia, eben die Erkenntnis, selbst. Für ihn war die Zahl schlechthin die intelligible Ordnung des Alls, der noêtos diakosmos. Aber über die Zahl verfügt nur der Nous, der erkennende Verstand, d.h. die Zahlen sind die noerà eidê, die dem Nous eignenden Erkenntnisformen. Die Psychê aber, die Seele, ahmt den Nous nach, indem sie Namen gibt. Von den Namen sagt der Pythagoras, sie seien Bilder der reinen Erkenntnisformen, eben der Zahlen. Namen also seien nichts Ursprüngliches, sondern Abbildhaftes,' aber nicht Abbild der Dinge selbst, sondern Abbilder der noerà eidê, der Verstandes "Bilder", der Zahlen. Alles also, was wir, von unserer psychê veranlaßt, mit Namen bedenken, und was wir in Worten und Sätzen umschreiben, stellt Abbilder der Zahlen dar, wir treffen mit Namen und Worten niemals die Dinge selbst.

Dem Aristoteles war diese Denkweise nicht geheuer, welche Substanzen und Kräften keinerlei Beachtung gönnte, sondern einzig die Zahlen, d.h. Zahl und Verhältnisbegriffe gelten ließ, arithmêtikoi kai harmonikoi logoi. Er hat aber in der Metaphysik 1.5 eine recht gute Beschreibung des ihm so wenig zusagenden Pythagoräismus gegeben. (s. Aristoteles, Met. 985 B-986 B).

Die Betrachtung himmlischer Vorgänge, so hatte Platon gesagt, habe die Zahl gezeitigt und zu dem Begriff der Zeit geführt und damit zur Philosophie. Und die Zeit definierte er als das nach der Zahl sich stetig fortbewegende Abbild der Ewigkeit. Diejenigen aber die sich kat'arithmon, der Zahl gemäß, bewegen, und mittels dieser Bewegung die Zeit hervorbringen, sind Sonne, Mond und die fünf Planeten, die daher vom Timaios als die organa chronou, die Instrumente der Zeit bezeichnet werden. Daß sich aus der Priorität gezählter zyklischer Zeit, sie wird ja durch Kreisbewegungen hervorgebracht, uns ungewohnte Konsequenzen ergeben, versteht sich. Nehmen wir zum Beispiel die Auffassung von "Substanzen", von Elementen, die sich von der unseren unterscheidet, bzw. unterschied, denn die moderne Physik kommt den alten Vorstellungen näher als die klassische, weswegen Needham von den chinesischen Taoisten feststellt (2, p543) ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt :"With their appreciation of relativism and the subtlety and immensity of the universe, they were groping after an Einsteinian world picture, without having laid the foundations for a Newtonian one."

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Das chinesische Wort hsing, gewöhnlich mit "Element" übersetzt, wird in der ältesten, auf Orakelknochen erhaltenen Schriftform mit dem Diagramm. eines Kreuzweges wiedergegeben (ibid., 223, no.14) und meint "gehen, sich bewegen". Needham (2, p243 f.) betont nachdrücklich, daß "the conception of the elements was not so much one of a series of five sorts of fundamental matter ... as of five fundanental p r o c e s s e s. Chinese thought had characteristically avoided substance and clung to relation." Richard Wilhelm gab das Wort mit "Wandlungsphasen" wieder, und über Wort und Bedeutung finden Sie Aufsschluß in dem Ihnen schon zum Ankauf empfohlenen opus von Granet "Das chinesische Denken",auf den Seiten 230 fff.(Pensée 304). Und die Regel, dergemäß diese Wandlungsphasen oder Prozesse ablaufen, ist das T a o , was wiederum "Weg" bedeutet. Im Griechischen standen die Dinge einmal ganz ähnlich. Was wir immer mit ,Element' übersetzen, stoicheion, abgeleitet von dem Verbum stoichéô, gehen, marschieren, ist die abgemessene, abgegangene Strecke, auch die gemessene Schattenlänge. Stoicheia heißen die Tierkreiszeichen; ein stoicheiomatikos ist einer, der Horoskope stellt, und die geschriebenen Buchstaben des Alphabets (die gesprochenen sind die grammata). Aber auch tao, der Weg, die Regel, nach der die Bewegungen und Wandlungen erfolgen, fehlte in Griechen land nicht: "dikê", sagt Cornford (From Religion to Philosophy, p172 f.), "dikê means ,way'" und fügt hinzu: "the notion of dike seems to come very near to the Chinese Tao". Gewöhnlich wird dikê mit Recht und Gerechtigkeit übersetzt; des Umstandes, daß dikê, last not least, auch den "Wurf" bedeutet, der Würfel nämlich, werden sich Stammkunden aus der Vorlesung über das Spiel entsinnen. In Indien waren die Dinge nicht viel anders: die Gestirne wandeln rtasya patah, die Wege des rta, und rta, das Maß schlecht hin, ist auch direkt "das Jahr" (Cornford, p175). Wenn Sie von dieser Art von Substanzen ausgehen, wird es Sie nicht länger wunder nehmen, daß die "Elemente" in der Alchemie den Planeten zugeordnet worden sind.

Die generelle Einsicht, daß "Namen" Abbilder von Zahlen und Zahlenverhältnissen sind, daß ho theos aei geômetrei, daß der Gott fortlaufend mißt und zählt, und daß man die Erkenntnis der Zahl der Beobachtung himmlischer periodoi verdankt, ist zwar unerläßlich aber Details werden uns damit noch lange nicht durchsichtig. Natulrlich hängt es mit diesem Prinzip zusammen, daß die Babylonier ihre Götter häufig mit Zahlen geschrieben haben: Anu, den sogenannten Himmelsgott, schrieb man mit einem Keil, und das bedeutet im Sexagesimalsystem 1 oder 60 oder 60 * 60 oder 1/60 usw., Enlil/Marduk mit 50, Ea/Enki mit 40 oder 2/3, Istar mit 15, Nabu/Nusku mit 10, aber w a r u m man Jupiter mit der 50 identifizierte, Venus mit 15, Merkur mit 10, Saturn mit 40, das bleibt vorerst unerfindlich; der mit der ,Monas' geschriebene Anu, der sog. Himmelsgott der Schriftgelehrten, ist in Keilschrifttexten der Seleukidenzeit durchweg der Mars. Ebenso unerfindlich bleibt eine eher geometrische Garnitur von Bezeichnungen, warum z.B. der sog. Urvater Apsu, der Süßwasserozean und Gatte der Tiamat im sogenannten Babylonischen Weltschöpfungslied, ein Würfel war, wie der Urmensch der Iranier, Gajomard, und wie der Poseidon, der die Pythagoräer prôton kybon, den ersten Kubus, hießen, und warum man ein Dreieck mit sechs eingeschrieben Dreiecken die dreimal geborene Athene, Athene Trito geneia, nannte.

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Größere Schwierigkeiten noch bereitet die Auffassung von der sogenannten "Göttlichkeit" von Zeit und von Zeitabschnitten, aber auch hier kann man sich mit Hilfe von Platon und Proklos etwas näher an die Phänomene heranpirschen, und zudem mache ich Sie gleich im Vorhinein darauf aufmerksam, daß "göttlich sein" gleichbedeutend ist mit "sich auf Kreisbahnen bewegen". Kreisbewegung ist schlechthin der Ausweis von Göttlichkeit. Wenn Sie wissen wollen, wie fest und wie tief diese Überzeugung gesessen hat - es war halt weniger eine Überzeugung als eine Definition - brauchen Sie sich nur in die Geschichte der Planetentheorien zu vertiefen, in alle Versuche, "die Phänomene zu retten", d.h. die evidentermaßen keine Kreise beschreibenden Planeten doch auf Kreisen umlaufen zu lassen, nämlich auf Exzentern und Epizyklen, und sich zu vergegenwärtigen, wie schwer es Kepler gefallen ist, das zu vollziehen, was man "the breaking of the circle" heißt, und sich auf "ungöttliche" Ellipsen einzustellen. Wir kommen notwendiger Weise auf die Rettung der Phänomene zurück, die man im Alten Orient nicht brauchte, eben darum, weil nur die Zeit zählte.

"Die Zeit", griechisch Chronos, die bei Aristoteles "ein gewisser Kreis zu sein scheint" und von den Pythagoräern mit der Fixsternkugel identifiziert wurde, ist Lenker der Welt bei den Indern unter dem Namen Kala / Zeit, bei den Iraniern unter dem Namen Zurvan. Bloomfield's Übersetzung der Zeit-Hymnen aus dem Atharva-Veda (19.53 und 54) sei ihnen übermacht. Verständlich sind sie nicht. Wer auch immer sie übersetzt hat, was kein Wunder ist, denn weder den Rigveda noch den Atharva-Veda hat bis heute auch nur ein einziger Indologe wirklich ernst genommen. Im Mahabharata sind zwei schier endlose Gespräche aufgezeichnet zwischen dem regierenden Götterkönig Indra aller Wahrscheinlichkeit nach Jupiter und einem früheren Weltenherrscher Vali / Bali (12.223 227. vol.9, 138 1 6), woselbst der gestürzte Herrscher, nunmehr in Gestalt, eines Esels, den derzeit Regierenden davor warnt, sich für verdienstvoll und, generell, für einen "Macher" zu halten (P.151.): "Thou hast ... obtained the sovereignty of the universe in course of Time but not in consequence of any special merit in thee...That thou ... regardest thyself as the actor lies at the root of all sorrow...Myself, thyself, and all those who will in future become the chiefs of the deities, shall have...to go the way along which hundreds of Indras have gone before thee ... In Time's course many thousands of Indras and of deities have been swept off yuga after yuga (p.143) "Time is the creator and destroyer. Nothing else is cause." (Cf. Brahma-Purana vol 3, p126, Robert Eisler p497-503). Es heißt dort auch von dem Kala (143):"The fortnights and months are his body. That body is invested with days and nights as its robes. The seasons are his senses. The year is his mouth."

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Zeit ist schlechterdings die Welt, Zeiten s i n d Welten. Weder beim hebräischen olam noch beim griechischen aiôn kann man jeweils genau sagen, ob Welt oder Zeit gemeint sei; daß eine solche Unterscheidung herzustellen überhaupt versucht wird, beweist nur, wie wenig wir von der alten Konzeption von "Welt" verstehen. Um sich diese Welt, so fremd sie sein mag, ständig präsent zu halten, rate ich, wohl zum hundersten Mal, zum Auswendig Lernen eines Satzes von Anaximander, den Cicero uns überliefert hat. In de natura deorum, 1.25 sagt er: Anaximandri autem opinio est, nativos esse deos longis intervallis orientis occidentisque, eosque innumerabiles esse mundos. Götter werden geboren in langen Intervallen des Aufgehens und Untergehens, und sie seien unzählbare Welten. Die ungezählten Welten sind Zeitperioden und werden Götter genannt, die geboren werden und sterben (thounds of Indras and deities have been swept off yuga after yuga) (In Klammern wieder eine typische Stellungnahme von spacers: John Burnet kommentiert den Anaximander Satz in seiner Early Greek Philosophy (p.60): "Now it is much more natural to understand the ,long intervals' in space than as intervals in time".)

Wie Sie schon an dem indischen Befund bemerkt haben, handelt es sich nicht um einen Spezial Spleen von Anaximander, aber alle diesbezüglichen Bekundungen stoßen auf das befremdete Unverständnis der Schriftgelehrten. Was man niemanden zum Spezial-Vorwurf machen sollte: das Sich Hinein Denken in die zyklische Zeit Welt ist objektiv sehr schwierig. Schlagen Sie in E. T. C. Werner's "Dictionary of Chinese Mythology" das Stichwort San Kuan oder San Yüan auf (401), so erfahren Sie da u.a.:" The ,Three Rulers', now a peculiar Taoist triad of subordinate divinities, presiding over heaven, earth, and water ...were original vast periods of time, like a geological epoch, but were subsequently personified and deified. Die drei Herrscher, jetzt eine merkwürdige taoistische Triade untergeordneter Gottheiten, die Himmel, Erde und Wasser regieren, waren ursprünglich riesige Zeitperioden, wie eine geologische Epoche, wurden aber später vergöttlicht."Der Engländer Percy Smith (Whare wananga 102,100 n.55), der im letzten Jahrhundert die noch erreichbare astronomische Überlieferung der Maori auf Neuseeland aufgenommen, übersetzt, und kommentiert hat, so gut es eben ging, es ging eben nicht gut , der konstatierte über das, viel Verwirrung stiftende, polynesische Wort p o: "Die gewöhnliche Bedeutung von Po ist Nacht, oder eine Zeitperiode, oder die Äonen der Dunkelheit, die der Geburt der Götter voraufgingen. These aeons seem to be personified, endowed with semipersonal and material characteristics; diese Äonen scheinen personifiziert zu sein, ausgestattet mit halb persönlichen und materiellen Charakteristika.

Eigentlich müßte ein einziger Blick auf die Hieroglyphen genügen, mit denen die Maya ihre Zeiteinheiten geschrieben haben, um wahrzunehmen, daß Zeitperioden als Götter, Dämonen, oder wie immer Sie's nennen mögen, verstanden worden sind. Thompson spricht von "deified numbers bearing the periods as lords, vergöttlichte Zahlen, die die Perioden als Lasten tragen." Unsere Sprache ist diesem Befund einfach nicht gewachsen, und darum müssen sich die modernen Schriftgelehrten so unbeholfen ausdrücken. So hören wir beim alten Wiedemann (OLZ 6,1903, 2f.): "Es gab bekanntlich in Ägypten Sondergötter nicht nur für die Zeitbegriffe selbst, also für Jahr, Monat, Tag, sondern auch für jeden einzelnen Zeitabschnitt, jede Jahreszeit, jeden Monat, jeden Monatstag, jede Tag und Nachtstunde." "Sondergötter", jetzt wissen Sie's genau. (Brugsch: Thesaurus Inscriptionum Ägyptiacarum. Altägyptische Inschriften, p115-20, p472 ff., p819-46).

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Etwas besser klingt die Formulierung von Richard Lepsius: "..jeder Monat, jeder Tag und auch jede Stunde erscheint ... auf den Monumenten entweder selbst als Gottheit personifiziert, oder einer Gottheit zugeteilt" (s. Über einige Berührungspunkte der Ägyptischen, Griechischen und Römischen Chronologie. 1859). Noch besser formuliert Reitzenstein (Poimandres p81 Anmerkung.1, s.a. Appendix p256-291): "Der Kalender enthält die Theologie: Tag und Woche, Monat und Jahr sind göttliche Wesen von bestimmter Kraft und bestehen aus anderen göttlichen Wesen." Reitzenstein kommt auf diese göttlichen Zeitabschnitte zu sprechen, um Galater 4.3 + 8ff. zu erklären, und dieser Fall ist für uns nicht uninteressant. Paulus wettert nämlich in diesem vierten Brief an die Galater u.a. gegen die "stoicheia tou kosmou" und das Einhalten der Feste, Vers 10 heißt es: Ihr haltet Tage und Monate und Feste und Jahre. Damit hatte Paulus nichts im Sinn Platon umso mehr, wovon später , und mit dieser Ablehnung liegt der Paulus auf der gleichen Linie wie der Talmud bei der Auslegung des 2.Gebotes (2. Mos.20.4). Selbiges lautet: Du sollst dir kein (Gottes )Bild verfertigen, noch irgend ein Abbild, weder des, das im Himmel droben oder auf der Erde drunten oder im Wasser unter der Erde ist. Das Targum dazu führt aus: "Macht euch nicht zum Zwecke der Anbetung Bilder von Sonne und Mond, Sternbildern und Planeten oder von Engeln, die vor mir dienen", und der Talmud Traktat Ros hasanah 24 B:"Macht euch keine Götter nach dem Bilde der Geister, die vor mir dienen in der Höhe: Ophanim (Zeitperioden), Seraphim (Jes.6), Chajjoth (Ez.1) und malkê haserat (Dienstengel)" (Jeremias *ATAO , p555, s.a.p116,p 271 + 1.Mos.21. 33) Wer die drei letzten Gruppen seien, entzieht sich meiner Kenntnis, aber hier genügt uns die Angabe, daß man sich keine Bilder von den Zeitperioden / Ophanim machen soll, wie das die Ägypter taten und wie die Maya, die sich ja noch rechtzeitig aus dem Staube hatten machen können, ehe in Westasien Offenbarungsreligionen ausbrachen.

*(ATAO = Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients, Leipzig, 1916)

Ich übergebe Ihnen nun ein paar Seiten(1, 2, 3, 4, 5, 6) aus dem Kommentar des Proklos zu Platons Timaios in der französischen Übersetzung von André-Jean Festugière, die auch nicht sehr viel leichter zu durchschauen ist als der griechische Text des Proklos; es ist nicht von ungefähr, daß der bis auf Festugière unübersetzt geblieben ist. Von spezieller Wichtigkeit für uns ist der Passus 4.40.31 41,12, Fest.4, p.61, wo Proklos etwa Folgendes feststellt: "Es ist nicht nur die Zeit, die die Theurgen die Chaldäischen Orakel,Chaldaikà Lógia als Gott gefeiert haben (ou ton chronon monon), sondern auch der Tag, die Nacht, der Monat, das Jahr. Und das schicklicher Weise (kai eikótôs). Denn wenn es für alles, was kontinuierlich seinen Kreislauf wiederholt (tôn gar aidíôs anakyklouménôn) eine unbewegte Ursache geben muß, so muß auch für die verschiedenen Abschnitte gelten, daß diese Ursache mal die eine, mal die andere sei. Wie dem auch sei, die Theurgen haben uns an die Adresse dieser Götter gerichtete Gebete, Anrufungen und Einweihungsriten überliefert.

//thesmous telestikous; thesmós von tithêmi,Satzung,Sitte; telestikós vollendend die Einweihung betreffend, sophia Weisheit der Mysterien//.

Alle diese Einteilungen über den Daumen zu zählen //skopein bedeutet aber betrachten// genügt nicht; man muß als göttlich verehren die unsichtbaren und unbewegten (Ursachen) der bewegten und allen sichtbaren (Gestirne), zu deren Gunsten Platon in den Gesetzen(1, 2, 3) Zeugnis ablegt, daß es sich um Götter handle.

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Wir wissen auch aus der griechischen Überlieferung von heiligen Handlungen, die dem Monat gelten (mênós hiera), und bei den Phrygern sehen wir den Monat als Sabazios in den mystischen Sabazios-Zeremonien gefeiert."
Proklos führt dann noch Indizien für die Verehrung der Jahreszeiten, der Horen, und des Jahres an (eniautos). Der sogenannte springende Punkt scheint der zu sein: welche Zeitspanne auch immer, sie muß eine unbewegte Ursache haben, und da Zeiten prinzipiell periodoi sind, handelt es sich im Zweifelsfall um den Mittelpunkt der Kreise, den die jeweiligen Zeit-Perioden beschreiben.

Sie können natürlich Zetermordio schreien, man. dürfe ja doch auf keinen Fall so "späte" Autoren wie den Neuplatoniker Proklos, der abgefeimter Weise von 410-485 n a c h Chr. gelebt hat, zur Erklärung altorientalischer Konzeptionen. heranziehen, und schon gar nicht den zwar beträchtlich älteren Platon, der von 427-347 vor Chr. lebte, weil es sich da um den größten griechischen Philosophen handelt, der wie der Gott der Christenheit partout alles ex nihilo erschaffen haben muß. Nun, Plato war mit Sicherheit der größte Philosoph unseres Planeten, und Whitehead hat nicht ganz zu Unrecht festgestellt, die ganze abendländische Philosophie bestünde aus Fußnoten zu Platon, aber ein creator ex nihilo ist er so wenig gewesen wie sonst irgend jemand, und seine Konzeption zyklischer Zeit hat er nicht eigenköpfig erfunden, die war längst vorher da. Kein Gefasel verbohrter Evolutionisten sollte uns daran hindern, zwecks besseren Verständnisses der prima vista absurd anmutenden "Götter" von Stunden, Tagen, Jahren und von größeren Zyklen, Platon und Proklos heranzuziehen, eben darum, weil deren Zeit-Verständnis noch jenes "archaische" war, dem bei uns erst das Christentum mit seiner Vorstellung von "Heilsgeschichte" den Garaus gemacht hat.
Daß es erudierten Autoren des arabischen und jüdischen Mittelalters noch geläufïg war, daß gleichwelche Nicht-Offenbarungsreligion "Astral-Religion" war, daß also allen "Heiden" die im Grunde gleiche Religion eignete, das kann man deren Verlautbarungen überer die Religion von Mesopotamiern, Ägyptern, Griechen, Römern, Persern, Indern usw. entnehmen. (Daniel A.Chwolson, Die Ssabier und der Ssabismus. (St. Petersburg 1856, 2 Bnd.). Einleitung + Bnd.1,162, 254 f.,260; Bnd.2,391-413,495 ff.,504 f.). Greifen wir heraus, was Maimonides hinsichtlich jüdischer und islamischer religiöser Überlieferung, an dieser Stelle besonders über den Abraham, sagt (D. Chwolson Bnd.2, p453,vg1.723), daß es nämlich keine Tradition gebe, die der biblischen Überzeugung widerspreche, "ausgenommen die Überreste jener verächtlichen Religion, welche in den äußersten Enden der Erde sich erhalten hat, wie die ungläubigen Türken in dem äußersten Ende des Nordens und die Inder in dem des Südens; denn diese sind noch die Überreste der Anhänger der ssabischen Religion, welche ehemals den ganzen Erdkreis erfüllte" (p452), welche behauptete, "daß es außer den Sternen keinen Gott gäbe." Lange vorher hatte Philon von Alexandria (De Abramo 15, § 69, s.Jeremias, s.Sternbilder 1433/Roscher) über die Chaldäer gewettert, die sich am meisten mit Astronomie beschäftigt hätten und "den Kosmos für die Gottheit selbst" hielten, "indem sie in unfrommer Weise das Geschaffene dem Schöpfer gleichsetzten."

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Man hat dem Platon die Hoch- oder auch Überschätzung von Kugel und Kreis in die Schuhe geschoben; zu Unrecht, jedenfalls was die kreisende Zeit angeht. Aber wie konnte es zu dieser Behauptung kommen? Der im sechsten nachchristlichen also noch nach Proklos - lebende Simplikios hat in seinem Kommentar zur Schrift des Aristoteles de caelo/über den Himmel (S.488,vdw RE 24, 290;T.L. Heath: Aristarch 272) konstatiert: "Als erster unter den Griechen hat Eudoxos von Knidos (408 - 355) versucht, durch ähnliche Hypothesen das Problem zu lösen, das P 1 a t o n denen gestellt hat, die sich mit solchen Sachen beschäftigen: durch welche Annahmen von gleichmäßigen und geordneten Bewegungen man die Erscheinungen der Planetenbewegungen retten könnte". Bei dem rund 600 Jahre älteren Geminos werden die Pythagoräer und nicht der Platon namhaft gemacht (Eisagoge zwischen 73 u.67, Manitius 251, Ideler 74, 334, T.L. Heath 269). In seiner Einführung in die Phainomena heißt es: (Geminos 1, p 19-20)

Worum es da eigentlich geht? Van der Waerden hat in seinem RE Artikel über die Pythagoräer (24,289 f.) den Unterschied zwischen babylonischer und griechischer Astronomie kurz so definiert: "Die babylonische Astronomie hatte 1) langjährige Beobachtungen, 2) sehr genaue Perioden, 3) arithmetische Methoden zur Berechnung von Himmelserscheinungen, insbesondere durch steigende und fallende arithmetische Reihen. Die griechische Astronomie dagegen ist vorwiegend g e o m e t r i s c h. Ihre Hauptfrage lautet nicht 'Wie kann man Himmelserscheinungen berechnen?', sondern ,Durch welche Annahmen von gleichmäßigen Kreisbewegungen kann man die Erscheinungen erklären?'." Das alles entscheidende Wort ist "geometrisch". Daß die Planetenbahnen, die wir betrachten können, keine kreisförmigen sind, ist ein Ihnen bekanntes Faktum; allenfalls beschreiben Sonne und Mond Kreisbahnen, aber auch die nicht mit erwünschter Präzision, weswegen Kepler sich dann zur Akzeptierung von Ellipsen genötigt sah. Die Planeten stehen still, werden rückläufig, bilden also Schleifen, und von gleichen Geschwindigkeiten sieht man auch nichts. Warum lautete nun aber die babylonische Hauptfrage "Wie kann man Himmelserscheinungen berechnen?", und warum, plagten sich die Babylonier anscheinend nicht ab mit geometrischen Hilfskonstruktionen wie Exzentern und Epizyklen? Nach allem, was wir bislang gehört haben sozusagen von den Maya bis Proklos dürfte der zureichende Grund darin zu suchen sein, daß man sich früher ernsthaft nur um Z e i t e n gekümmert hat.

Für den Normalverbraucher sind Planeten wandernde Punkte, für die griechischen Astronomen galt es, ihre merkwürdigen Bewegungen geometrisch als Kreisbahnen zu erweisen, für die Alten Orientalen aber waren die Planeten anscheinend gleichbedeutend mit der Zeitperiode, die sie anzeigten; was zählte, war also, welche Zeit ein Planet für seine periodos benötigte, weniger die Form der von ihm eingeschlagenen Bahn, was nicht heißt, diese wären unbeobachtet geblieben.

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Was auf einer Kreisbahn liegt, sind die Punkte, zu denen ein Planet "heimkehrt", die Punkte, an denen sich in unterschiedlich langen Intervallen Konjunktionen wiederholen usf. Von daher versteht sich auch eher der Vergleich zwischen Himmelsbewegungen und dem Tanz, über den sich am deutlichsten der Lukian ausgesprochen hat; den Polarstern nannten die Griechen auch Tanzleiter/ Choreutês , der Tanz besteht, bzw. bestand ja nicht in sturem Kreistrott, sondern im Beschreiben kunstvoller Figuren entlang dieser Kreisbahn, und nicht von ungefähr ist der Tänzer par excellence der Mars mit seinen auffälligen Schleifen, ob er "Jung Krieg" heißt, Neoptolemos, der Troia durch seinen Tanz eingenommen haben soll, oder in Rom Mars Ultor, ob Skanda, der Hüpfende, im alten Indien oder Ueuecoyot, der uralte Koyote, wie die Azteken ihren sog. "Tanzgott" nannten. Den Passus aus Lukians (120-180 n. Chr. aus Samosate am oberen Euphrat) Peri orchêseôs /De Saltatione 7, p 241 schauen Sie sich tunlichst selber an. Der Lukian belehrt da einen alten Freund und dezidierten Gegner aller Tanzerei darüber, was Tanz wirklich sei, und konstatiert hinsichtlich der zuverlässigsten Historiker, die sich damit beschäftigt hätten, sie alle seien der gleichen Meinung, der Tanz sei gleichzeitig mit dem Universum ins Leben getreten, zugleich erschienen mit jenem archaischen Eros, nicht also mit dem eher harmlosen Sohn der Venus, sondern mit Hesiods kosmogonischein Eros. "Tatsächlich", fährt Lukian fort, "der Reigentanz der Sterne, das sich Verflechten der Planeten in bezug auf die Fixsterne, ihr rhythmisches Übereinstimmen und die takt-gemäße Harmonie sind Zeugnisse für die Uranfänglichkeit des Tanzes (hê goun. choreía tôn astérôn kai. hê pros tous aplaneis tôn planêtôn symplokê kai eurythmos autôn koinônia kai eutaktos harmonia tês prôtogónou orchêseôs deigmatá estin).Wenn man eurythmos koinonia und eutaktos harmonia wirklich adäquat übersetzen könnte, ließen sich ganze Vorlesungen einsparen; die koinonia, die Gemeinschaft, das Zusammensein in dem Geflecht von Planeten untereinander und mit den Fixsternen ist eurythmos, sie erfolgt in einem guten Rhythmus, und die Harmonia ist nicht ein fortdauernder Zustand, sondern etwas, was sich "in gutem Takt" einstellt, eutaktos harmonia.


Wir hatten kürzlich von jener "peculiar Taoist triad" in China, gehört, angeblich "Untergeordneten Gottheiten", die über Himmel, Erde und Wasser herrschten, ursprünglich aber riesige Zeitperioden waren, und im zweiten Gebot (2. Mos. 20.40) werden wir aufgefordert, uns kein Gottesbild zu machen "weder des, das im Himmel droben oder auf der Erde drunten oder im Wasser unter der Erde ist." Diese Formulierung hätten in alter Zeit alle die von Maimonides beschimpften Anhänger sogenannter Astralreligion Juden, Christen und Mohammedaner nannten sie "verächtlich" auf Anhieb verstanden. Die Hawaiier hätten gesagt. o.k. das sind die Welten von Kane, Ku und Lono*, die Inder: das sind Uttaramârga, Madhyamamârga, Dakshinamârga, der nördliche, mittlere und südliche Weg, die alten Griechen hätten auf die Aufteilung der Welt unter Zeus, Poseidon, und Hades verwiesen, steinalte Juden im Zweifelsfall auf Sem, Ham und Japhet; die Babylonier aber hätten sich, wohl mit Recht, gebrüstet, es handle sich schließlich um ihre Idee, nämlich um die Wege von Anu, Enlil und Ea. Man nennt diese Zonen auch die Welten der Götter, der Lebenden und der Toten, oder der Ahnen.
(*cf. für Maori Polyn.II,5)

 

part III