Das Sirius-Canopus-Dreieck
Ansätze zur Lösung eines Rätsels der archaischen Astronomie

Eines der bisher ungelösten Rätsel archaischer Kosmologie stellt die Beziehung zwischen Sirius und Canopus dar. In ihren Vorlesungen wurde dieses Problem von H .von Dechend mehrfach behandelt. So lesen wir:

'' Der Canopus, den die Araber, wie den Sirius, al wezn, "den schweren", "den gewichtigen" nannten, und der deshalb im astronomischen Werk Alfons des Weisen von Kastilien., den Alfonsinischen Tafeln, als Canopus ponderosus auftritt, hat sozusagen einen legitimen Anspruch darauf, "schwer" zu sein --der Sirius allerdings einen noch größeren Anspruch --:            es handelt sich um das Bleilot, mit dem man die "Tiefe des Meeres" mißt.

Sirius, der Pfeilstern, wird im babylonischen Neujahrsritual gerade heraus angeredet: "mu1KAK.SI.DI, Pfeilstern, der die Tiefe des Meeres mißt", und diese Tiefe des Meeres wird markiert durch den Canopus, auch Eridu genannt, und "Zusammenfluß der Ströme", pi narati. Dazu müssen die neu Hinzugekommenen wissen, daß der Fixsternhimmel im ganzen Hochkulturgürtel in mehrere Breitenzonen geteilt ist, nach unterschiedlich verfeinerten Methoden. Gemeinsam ist den Schemata, daß die Äquatorebene die Grenze zwischen Meer und Festland bildet, daß also alles, was sich südlich des Äquators befindet, zum Wasserbereich gehört; der Tierkreis, d.i. die sog ."bewohnte Welt (Oikoumene)hängt zur Hälfte im Meer. Das Meer seinerseits ist wieder unterteilt in das Salzmeer, das vom Äquator bis zum Winterwendekreis reicht, und den Süßwasserozean, der vom Winterwendekreis bis zum Südpol sich breitet. "Schwere" Sterne, mit denen sich die Tiefe des Meeres ausloten läßt oder die selber schwer auf dem Grunde ruhen --wie die gewaltige Eisensäule, mit der der chinesische Große Yü seine Meermessung vorgenommen hatte --schwere Sterne also hat man. in südlichen Gegenden zu suchen, und so führen denn auch die Sterne beta Centauri und alpha und beta Columbae den Beinamen "al wezn", die gewichtigen…

Von Eridu, dem Zusammenfluß der Ströme, pi narati, dem Canopus, müssen bei den Mesopotamiern die m e , die Schöpfungsmaße besorgt werden; legitime Herrscher müssen symbolisch die Tiefe des Meeres messen: in Iran holt Kai Khusrau und andere Legitimierte den Xvarna, den Glücksglanz, aus der Tiefes des Vurukarta-Sees --ein Abglanz. dieses Xvarna ist unser Rheingold --, Gilgamesh besorgt sich bei Utnapishtim am Zusammenfluß der Ströme das personifizierte Steuerruder der Argo, den Urshanabi; Odysseus muß eigens in den Hades herabsteigen, um von Teiresias Anweisungen hinsichtlich dieses Ruders zu empfangen; der Alexander des Alexander-Romans vermißt die Meerestiefe wie der Sage nach der Kaiser Hadrian. Kurzum, Canopus steht "am Anfang" der verschiedenen Vermessungen, alias Schöpfungen des Kosmos. Im Canopus laufen, sozusagen, die Schöpfungsfäden zusammen.''

Das Wintersolstitium ist in allen Astronomien ausgezeichnet. Wir stellen deswegen die Himmelssituation dar, in der Sirius in der Nacht vor dem Solstitium kulminiert. Als Jahr wählen wir 2800 v. Chr., da in dieser Zeit das System der Hieroglyphenschrift schon vollendet war :

 

 

Fällt man von dem kulminierenden Sirius ein Lot auf eine dem Horizont parallele Linie, welche wiederum durch Canopus geht und verbindet diese mit Sirius, so ergibt sich ein Dreieck, dessen Hypotenuse den Wert 3,16 hat. Dies ist der in ägyptischen Schriften genannte Wert für die Kreiszahl Pi. Mythologisch gesprochen, wird durch das Loten der Tiefe von Sirius aus eines der Maße des Kosmos aus der Tiefe des Meeres gehoben. Die Sonne steht zum Wintersolstitium zudem im Süßwasserozean, wodurch der am Horizont stehende Canopus gleichsam zum Sonnenstellvertreter oder Indikator wird.

Spiegelt man das Dreieck an dem von Sirius zum Horizont gefällten Lot, so erhält man ein gleichschenkliges Dreieck, dessen Form mit der Glyphe für Sirius identisch ist:

(Aus Heinrich Brugsch, Thesaurus Inscriptionum Aegyptiacarum, Leipzig 1883)

 

In der ptolemäischen Zeit wird die Glyphe für Sirius wesentlich verändert. Wir sehen nun ein spitzwinkliges Dreieck, das auf einer seiner Ecken steht. Berechnen wir nun die Himmelssituation für den Tag vor dem Wintersolstitium mit Sirius in Kulmination für das Jahr 300 v. Chr.:

so erhalten wir nach obiger Konstruktion ein Dreieck, welches der ptolemäischen Hieroglyphe gleicht. Damit ergibt sich eine Bestätigung für unsere Annahme, daß die Glyphe für Sirius,das durch diesen mit Canopus gebildete Dreieck darstellt.

Noch bei Cicero wird dem Sirius eine rote Farbe zugeschrieben. Sollte dies auf einer Verwechslung mit Canopus beruhen? Es könnte sein, daß Sirius, wenn er mit der Dreiecksglyphe geschrieben wurde, immer mit Canopus zusammen gedacht wurde.


Rainer Herbster

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