Ein Vulkan ist erloschen - Hertha von Dechend in memoriam
Von Uta Lindgren

(Nachrichtenblatt der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e. V. 51. Jahrgang, Heft 2, Sommer 2001)

Hertha von Dechend hat erstmals die Mythen aus aller Welt systematisch auf ihren astronomischen Gehalt hin untersucht und mit ihrer Publikation "Die Mühle des Hamlet Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit" das Fundament zu einer mit historisch-kritischen Methoden arbeitenden archaischen Kosmologie gelegt. Wer sie kannte, hatte das Gefühl: hier brodelt ein Vulkan. Wer sich mit ihr unterhielt, merkte bald: sie spricht nur von einem kleinen Teil ihrer immensen Zettelkästen. Nun hat sie die Augen für immer geschlossen, ohne den zweiten Band abzuschließen. Wer war diese Frau?
Geboren 1915 in Heidelberg, fand sie 1934 ohne Studienerlaubnis Unterschlupf im Frankfurter Museum für Völkerkunde, das Leo Frobenius bis zu seinem Tode 1938 leitete. Sie hatte ihre Ablehnung der Nazis bereits so deutlich kundgetan, daß sie das Abiturszeugnis nur mit Mühe erhielt Ihr vorgeschobenes Studienziel Archäologie und Altphilologie bot vorerst keine Verdachtsmomente. Immatrikulieren durfte sie sich erst nach Ableisten des - natürlich verhaßten - Arbeitsdienstes. Ein wichtiges Kriterium ihrer Menschen- und Weltkenntnis war der an Karl Kraus geschulte Sprachsinn. Nach Kriegsbeginn 1939 promovierte sie in aller Eile mit einer Arbeit über das Thema "Die kultische und mythische Bedeutung des Schweins in Indonesien und Ozeanien" und wurde in Paris stationiert.
Aber schon 1941 war sie wieder in Frankfurt. In Paris war es ihr eigentlich sehr gut gegangen. Sie bekleidete eine Stelle im Rang eines Offiziers und behauptete noch Anfang der sechziger Jahre, nie wieder so viel Geld verdient zu haben. Obwohl sie kein Wort Französisch verstand, nahm sie rasch Kontakt auf zu den Ethnologen im Musée de l'Homme, mit denen sie sich nicht nur auf der wissenschaftlichen Ebene gut verstand, sondern deren politische Haltung sie teilte. "Resistance" nannte man das auf Französisch. Als ihre Freunde festgenommen werden sollten, sagte sie ihnen Bescheid. Beim zweiten Mal fiel das auf, und sie wurde zu ihrem Vorgesetzten bestellt. Nachdem dieser sie angehört hatte, meinte er, er könne leider nichts weiter für sie tun, als ihre Akte verschwinden zu lassen. Dechend hatte die Telephonnummer des Musée de l'Homme bis an ihr Lebensende im Kopf. Der lebensrettende Vorgesetzte hat selbst das Kriegsende nicht erlebt. Die Zahlmeisterin ihrer Einheit, mit der sie sich angefreundet hatte, folgte ihr bald nach Frankfurt und heiratete später einen Ethnologen. Sie hatte Freunde dadurch ergötzt, daß sie die Köpfe der Nazigrößen auf den Geldscheinen geschickt so ausschnitt, daß sie, in einer Schlaufe hängend, aussahen, als baumelten sie am Galgen. Auch ihr war in Paris der Boden unter den Füßen zu heiß geworden.

In Frankfurt war Dechend von 1943 an mit einer halben Assistentenstelle beteiligt an Gründung und Aufbau des zunächst städtischen Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften (jetzt Johann Wolfgang Goethe-Universität). Dieses Institut war für den Astronomen und Mathematiker Willy Hartner (1905-1981) begründet worden, und es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man Hertha von Dechend die Seele des Instituts nennt. Ein beliebter Treffpunkt der jungen Leute des Frobenius-Instituts war Jimmy's Bar, wo Wermut mit Soda, und Soda, und Soda..., das billigste Getränk war. Die "Institutsmannschaft" bestand im Krieg fast nur aus Frauen, aber bei Jimmy's Bar trafen sich auch Homosexuelle, die damals genauso gefährdet waren wie Zigeuner und Behinderte, und für die es bei einer Razzia lebensrettend war, sich an eine junge Frau schmiegen zu können.
Von Haus aus nicht mit materiellen Gütern gesegnet, bot das Überleben für Dechend oft Probleme. Ihr Großvater, Hermann von Dechend, war der erste Reichsbankpräsident gewesen, ihr Vater Alfred, ein promovierter Chemiker, verlor in der Wirtschaftskrise seine Arbeit, trennte sich von der Familie, fand eine neue Frau, aber nie wieder Arbeit. Die Freundschaft zur Großfamilie des Internisten Franz Volhard, wo sie ein gern - und häufig - gesehener Gast war, hat sie vermutlich vorm Verhungern bewahrt. Die Freundschaft dauerte bis ans Lebensende.
Dechends Asche wurde im Volhardschen Familiengrab in Frankfurt beigesetzt. Hartner war nach dem Krieg dank alter Beziehungen zu Harvard entscheidend mit verantwortlich für die rasche Wiederaufnahme des Universitätsbetriebes. Das bedeutete aber auch, daß er ständig unterwegs war. Mit einiger Sicherheit konnte man ihn nur nach der Vorlesung um die notwendigsten Unterschriften bitten. Die Beratung der Studenten, der Aufbau der berühmten Bibliothek waren Dechends Leistung. Sie konnte zuhören. Sie war enorm gebildet. Sie war bienenfleißig. Um in eine höhere Gehaltsgruppe zu kommen, legte sie 1954 das Bibliothekarsexamen ab.
Sie war auch auf anderen Gebieten tätig. Als der Chemiker Justus von Liebig noch nicht von der Geschichtsschreibung entdeckt war, erschien 1953 "Justus von Liebig in eigenen Zeugnissen und solchen seiner Zeitgenossen", 1963 noch in einer zweiten Auflage1. Im Mittelpunkt dieser Anthologie stand der Briefwechsel mit dem Göttinger Chemiker Friedrich Wöhler. 1973 und 1977 erschienen zwei kurze Aufsätze2 zu Themen archaischer Kosmologie. Für die Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Instituts3 hielt sie ihre "Erinnerungen an die Frühzeit des Instituts" fest. Habilitiert wurde sie 1959 mit einer Arbeit über das Thema "Der Mythos von der gebauten Welt als Ausdrucksform archaischer Naturwissenschaft I und II". Ihre Habilitationsschrift wurde ebensowenig gedruckt wie die Dissertation. Aber in ihren Zettelkästen war nichts verloren gegangen.
Die große Wende kam, als 1958 Giorgio de Santillana bei einem Symposium in Frankfurt auftauchte. Santillana hatte den Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften am MIT in Cambridge/MA inne und begriff schnell, was Hertha von Dechend über die archaische Kosmologie hervorsprudelte. Nachdem sie ihm 1959 ein Expose geschickt hatte, kam es zu einer Phase intensiver Zusammenarbeit. Sie wurde nach Amerika eingeladen, wo sie anfangs ein ganzes Jahr, später jeweils ein Semester verbrachte. In den gemeinsamen Seminaren konnte sie ihre Forschungsergebnisse stets auch mit interessierten Naturwissenschaftlern diskutieren, die zur Weltelite gezählt wurden. Dort erhielt sie Informationen über die moderne Anschauung von den sie interessierenden astronomischen Sachverhalten, dort fand sie ihrerseits Anerkennung. Ziel ihrer Forschungen war es, die astronomischen Themen in den Mythen und ihre Terminologie zu erarbeiten. Dank Santillanas Sprachgenie und Organisationstalent entstand "Die Mühle des Hamlet" und erschien unter beider Namen erstmals 19694 auf Englisch, seit 1983 auf Italienisch und seit 1993 auf deutsch gedruckt.
Mit dem Bild von Hamlets Mühle gewinnen Dechend und Santillana geschickt eine gebildete Leserschaft, denn jeder kennt Hamlet, nicht aber seine Mühle. Man möchte also erfahren, was es mit dieser auf sich hat. Sie kommt bei Shakespeare nicht vor, und auch dessen mittelalterlicher Informant Saxo Grammaticus konnte schon nichts mehr davon berichten. Dechends Zettelkästen enthielten unterschiedlich alte Mythen, die sich wie die Häute einer Zwiebel überlagern.
Hamlet taucht anderswo als Amlodhi, Ambales, Kullervo, Kalevipoeg, Kai Chosrau, Lucius Junius Brutus auf. Die Brücke zur Astronomie führt den Leser zu einem neuen, rational zugänglichen Verständnis der Mythen. Das im Titel versprochene "Gerüst der Zeit" ist nicht die Zeit einer Eieruhr, sondern die Präzession und das Wandern des Nordpols. Wir verlassen derzeit das Zeitalter der Fische, das mit Jesu Geburt begonnen hatte, und treten in das Zeitalter des Wassermanns ein, wie man vor ein paar Jahren aus dem Musical "Hair" lernen konnte. Hamlet hatte einem früheren Zeitalter angehört, dem des Widders. Damals hatte er die Mühle gedreht, die ein weltweit verbreitetes Bild für den Gang der Zeit in der Präzession war. Als Hamlets Zeitalter vorüber war, zerbrach die Mühle, fiel ins Meer und bewirkte den Malstrom der skandinavischen Mythen. Hamlets Zeitalter des Widders hatte begonnen, als Moses auf dem Berge Sinai die Gesetzestafeln empfing, während sein Volk noch um das Goldene Kalb (eigentlich Stier, Taurus) tanzte. Das davor liegende Zeitalter der Zwillinge ist die "Nullzeit" der Mythologie. Auf Hamlets Zeitalter des Widders folgte das Zeitalter der Fische. Mit der Entschlüsselung der Fachsprache dieser archaischen Kosmologie hat Dechend eine ungeahnte Dimension der Menschheitsgeschichte geöffnet. Wie war es möglich, vor ca. 100 00 Jahren derartig langsame Himmelsveränderungen zu beobachten? Das Buch "Hamlets Mühle" gibt auch dazu Antworten.
In Deutschland half dem Werk übrigens ein Computer-Verlag zum Durchbruch. Wenn man mit "Google" im Internet nach dem Namen Hertha von Dechends sucht, erhält man mehr als 300 Treffer, die von Rezensionen und Erwähnungen über Fernsehsendungen und Quizveranstaltungen bis Leselisten und sogar Briefauszügen reichen.
Hertha von Dechends berufliche Karriere in Frankfurt verlief weniger spektakulär. Zwar wurde sie, wie damals üblich, 6 Jahre nach ihrer Habilitation zum apl. Professor ernannt, jedoch erst 1971, neun Jahre vor Erreichen der Altersgrenze, zum ,,Professor auf Lebenszeit". Dechends Unabhängigkeitsdrang, der zu so originellen wissenschaftlichen Ergebnissen geführt hat, war ihr schon von weitem anzusehen resp. zu hören. Der Widerspruchsgeist war von Kind an besonders ausgeprägt. Seit der Nachkriegszeit fand er Nahrung in der Lektüre des "Spiegel". In ihren jüngeren Jahren boten ihre Katzen und die Geige einen Ausgleich. Die exzellente Beherrschung der Geige führte zu -ungeahnten - Kontakten: sie hat Quartett gespielt, mit den Volhards, mit Hartner, mit Adorno - mit Menschen also, die sonst wenig verbindet. Seit sie nach Amerika fuhr, gab es keine Katzen mehr und auch kein Geigenspiel. Wermut-Soda wurde durch Campari ersetzt, aber seit den achtziger Jahren schmeckte ihr kein Alkohol mehr. Der viele Kaffee der jungen Jahre wurde allmählich durch Tee, Caro, Kakao und oftmals durch schlichtes heißes Wasser ersetzt. Sie war auch Krimispezialistin. Wann sie dafür Zeit gehabt hat, weiß ich nicht, aber die Wände ihres Schlafzimmers waren vollgestopft mit Krimis. Und Goethe, und Gottfried Keller.... Geraucht hat sie Rothändle, das konnte man riechen. Das Ritual umfaßte eine Zigarettenspitze mit Filter, einen Aschenbecher, möglichst mit Deckel, und darin ein Aluminiumröhrl als Gluttöter. Zur intellektuellen Kurzsichtigkeit hatte sie allerdings keine eigentliche Veranlagung. Die erste Brille erwarb sie in ihrem 30. Lebensjahr, als sie bei ihrem Dolomitenurlaub die Gemsen nicht sah, von denen die andern sprachen. In späteren Jahren hatte sie noch ein weiteres, einschneidendes Erlebnis mit ihren Augen: der ständig graue Himmel über Kronberg und dem Rest der Welt wurde nach einer Staroperation wieder blau, wenigstens wenn die Sonne schien.
Ihre Vitalität war bewundernswert, obwohl sie seit den fünfziger Jahren mehrere sehr schwere Operationen hatte über sich ergehen lassen müssen. Vor einem Jahr war sie das letzte Mal in Amerika und nahm an dem von Santillana ins Leben gerufenen Kolloquium zur Wissenschaftsgeschichte teil. Und bis kurz vor ihrem Tod fuhr sie mindestens einmal pro Woche von Kronberg, wo sie wohnte, nach Frankfurt. Nun ist der Vulkan erloschen, nachdem er fruchtbare Spuren im umliegenden Land hinterlassen hat.

Uta Lindgren, Bayreuth

Anmerkungen:
1 Justus von Liebig in eigenen Zeugnissen und solchen seiner Zeitgenossen, hg. von Hertha von Dechend, mit einem Geleitwort von Willy Hartner, WeinheimlBergstr. 1953, 2. Aufl. 1963.

2 Il concetto di simmetria nelle culture arcaiche, in: La Simmetria, a cura di Evandro Agazzi, 1973. - Bemerkungen zum Donnerkeil, in: Prismata. Naturwissenschaftliche Studien. Festschrift Willy Hartner, hg. von Y. Maeyama, W. G. Saltzer, Wiesbaden 1977.

3 Erinnerungen an die Frühzeit des Instituts, in: Ad Radices. Festband zum fünzigjährigen Bestehen des Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften der Johann Wolf gang Goethe-Universität Frankfurt am Main, hg. von Anton von Gotstedter, Stuttgart 1994.

4 Hertha von Dechend, Giorgio de Santillana, Hamlet's Mill. An Essay on Myth and the Frame of Time, Boston 1969. - Hertha von Dechend, Giorgio de Santillana, II mulino di Amleto. Saggio sul mito e sulla struttura del tempo. Edizione italiana a cura di Alessandro Passi, Mailand 1983, 2. Auflage 1984, 3. Auflage 1990, 4. Auflage 1999, 5. Auflage 2000. - Hertha von Dechend, Giorgio de Santillana, Die Mühle des Hamlet, Berlin 1993, 2. Auflage Wien 1994.