Zum Tode der Kulturhistorikerin Hertha von Dechend (1915-2001)


Nach kurzer aber schwerer Krankheit starb Prof. Dr. Hertha von Dechend am 23. April 2001. Als ältestes Mitglied des Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften, Universität Frankfurt, seit dessen Gründung 1943 erlangte sie eine von keinem Menschen zuvor erahnte Einsicht in die Welt des archaischen Mythos, wie später dargestellt in ihrem Buch „Hamlet’s Mill. An essay on myth and the frame of time“ [mit Giorgio de Santillana, Boston 1969 (ursprünglich: An Introduction to Archaic Cosmology); italienische Ausgabe 1983; deutsche, „Die Mühle des Hamlet. Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit“, Berlin 1993].

Ihre höchst subtilen Einsichten entwickelte von Dechend während ihrer engen Zusammenarbeit über viele Jahre hinweg mit drei großen Gelehrten, von denen sie drei, für ihre spätere These unentbehrliche Elemente erhielt: Kulturhistorische Ethnologie von Leo Frobenius (1873-1938), Gründer des Frobenius-Instituts; Geschichte der Astronomie von Willy Hartner (1905-81), Gründer des Inst. f. Geschichte d. Naturwiss.; und endlich von Giorgio de Santillana (1902-74; MIT, USA) den Antrieb, die von ihr so entwickelte Theorie in Form einer Veröffentlichung darzulegen.

Jeder Kulturbereich entwickelt, sich der Gesamtheit der kosmischen Phänomene bedienend, eigene mythische Welten. Diese entwickeln sich mannigfaltig — sich an benachbarte anschließend, von einer markanten besonders stark beeinflußt —, so dass die Vermutung erwächst, es existiere eine ursprüngliche universelle Sprache des Mythos, nämlich die der archaischen Astronomie.

Diese Sprache entwickelte sich in steter Wechselwirkung mit den Himmelsphänomenen und den durch sie erzeugten Zeitperioden. Hierbei, in der Sprache des Mythos, stellen die beweglichen Himmelskörper wie Mond und Planeten die agierenden Helden vor dem Hintergrund der Fixsterne dar, gleichsam der himmlischen Geographie. Seitdem diese Betrachtungsweise bekannt ist, ergaben sich auf der einen Seite heftige Fachdiskussionen auf verschiedensten Gebieten, aber auf der anderen bedienen sich immer mehr jüngere Forscher des dechendschen Erklärungsmodels und gelangen so zu fundamental neuen Einsichten.

Für ihre These mußte von Dechend nahezu immer allein kämpfen. Mir schien sie jedoch Impulse von außerhalb erhalten zu haben, die ihr stets neue Kräfte verliehen. Mit 13 Jahren erhielt sie Geigen-Unterricht vom zweiten Geiger des schon längst legendär gewordenen Busch-Quartetts, Gösta Andreasson. Mit 15 stand sie am Scheidewege; sie entschied sich für die Wissenschaft, ohne sich jedoch gänzlich von der Musik zu trennen. Sie spielte weiterhin Streichquartette in ihrem Freundeskreis, später auch mit Hartner und Theodor Adorno (1903-69; Univ. Frankfurt).  Nach ihrer Habilitation im Jahre 1960 auf einer Seereise  in die USA auf Santillanas Einladung hin traf sie eine noch schwerwiegendere Entscheidung — Auf Musik überhaupt zu verzichten, nun auf weinfarbenen Meeren hinaussegelnd sich nur noch der Wissenschaft zu widmen.
Zu dieser Entscheidung stand sie auch 40 Jahre lang – mag sein mit äußerst seltenen Ausnahmen –, bis ich sie im vorigen Jahre dazu überreden konnte, mit mir einige späte Streichquartette Beethovens zu hören.

Um von Dechends theoretisches Konzept weitgehend zu verstehen, benötigt man unermeßliche Kenntnisse, vor allem aber unumstößliche Überzeugung davon, dass man vor zehntausend Jahren genauso wie wir heute zum Denken fähig war – ganz zu schweigen von dem Willen jede alte Sprache zu verstehen. Ohne diese Bereitschaft, und ohne ungeheuren Fleiß, kann man zwar die dechendschen Erkenntnisse auf jede Ebene beliebig reduzieren, trotzdem gerät man in Gefahr sich in der Fülle des historischen Stoffes zu verlieren.

In Anflügen von Selbstironie erzählte mir von Dechend hin und wieder, sie sei überall sowohl von fachlichen Feinden als auch von Anhängern, diese jedoch meist schlichten Gemüts, umgeben. Auf dem liberalen geistigen Boden Amerikas fand sie etliche Gleichgesinnte, die sie jedes Jahr zum Sonderkolloquium in Boston einluden. Auf meine Frage hin, ob sie dabei zu neuen Erkenntnissen gelangte, antwortete sie kurz mit Nein. So zog sie anscheinend mehr Kraft aus den Auseinandersetzungen mit ihren Kritikern als mit ihren Anhängern.

Schon vor der Publikation vom Hamlet’s Mill 1969 hatte sie ihr zweites Buch fest im Visier und sammelte dazu unentwegt Materialien. Im Jahre 1998 hatte sie bereits vier Kapitel druckfertig der MIT-Press abgeliefert, ohne jedoch zu wissen, wieviele Kapitel sie noch zu schreiben hätte. Lange saß sie am 5. Kapitel und war von der Fülle der mit dem Sternbild  „Saggitarius“ verbundenen Mythologeme geradezu überfrachtet und konnte sich offenbar so  von deren Studium nicht abwenden.
Oft verwies sie auf Fehlübersetzungen und damit bedingte Fehlinterpretationen  in den alten Schriften wie im Gilgamesch-Epos und Rigveda hin, um aufzuzeigen, wie man zu den mangelhaften Darstellungen des Bildes der alten Kulturen kam. Als besonders gravierendes Beispiel hierfür nannte sie immer die maßlose Unterschätzung der astronomischen Beiträge, die das alte Ägypten geleistet hatte. Die Faszination für das alte Ägypten hatte sie nie verlassen und so blätterte sie Erik Hornungs Buch über das alte Ägypten, Das Amduat. Die Schrift des verborgenen Raumes (3 Bde. 1963-67), bis zu ihrem Tode durch.

Über von Dechends Kontakt zu Adorno sei nur kurz die folgende Geschichte erwähnt. Auf das Bedauern von Adorno und Hartner, es gebe noch keine deutsche Übersetzung von À la recherche du temps perdu, äußerte von Dechend, das solle Dr. Eva Rechel-Mertens tun, eine Freundin ihrer Mutter und später auch ihrige, sie kenne das Werk beinahe auswendig. Auf ihre Frage, ob sie sie dazu überreden solle, sagte Adorno: „Mädchen, das tue ich!“ So kam in den Jahren 1953-62 die erste vollständige deutsche Ausgabe des Meisterwerks von Proust zustande. Zu von Dechends Persönlichkeit sei Folgendes erwähnt:
Zu einem dauerhaften Umgang mit Menschen verlangte sie deren Liebe zu Bach, Goethe und Katzen. Am liebsten wünschte sie bei einem Symposion von Platon, Kepler und Bach anwesend zu sein. In Bachs Musik sah von Dechend, wie am gestirnten Himmel, eine mathematische Matrix, und auch genau dort spürte sie gleichsam einen Berührungspunkt des Menschen mit der Gottheit, wie auch die Annäherung Gottes an die Menschheit gleich der Darstellung in „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo (um 1510).

Die auf der Welt einzigartige Bibliothek von Dechend spiegelt ihr Lebenswerk wider und wird ihren letzten Sitz am Renaissance-Institut (Direktor, Prof. Klaus Reichert) der Universität Frankfurt finden. Es mögen daraus neue Rosen wachsen!

Yas Maeyama,  Univ. Frankfurt