Aus der Vorlesung

Polynesische Kosmologie I WS 1977-78
Seiten 9 und 10

Und hier will ich Ihnen kurz erzählen, wie ich dazu gekommen bin, die Dinge anders anzupacken, als es bislang geschehen ist:

Durchdrungen von der unerschütterlichen Absicht, unter keinen Umständen jemals etwas mit Astronomie zu tun zu bekommen, wählte ich mir vor rund 20 Jahren als Thema die Rolle des Deus Faber in der Mythologie, wähnend, solches würde ein ausnehmend technikhistorisches Unternehmen. Nachdem ich mit dem mesopotamischen Enki/Ea "fertig" war - unter hygienisch einwandfrei sauberer Aussparung jeglichen sideriechen Bezuges -, halb fertig mit den ägyptischen Vertretern Ptah und Chnum und mit dem indischen Tvasthri, und nachdem ich den keltischen Goibniu und den finnischen Ilmarinen angekratzt hatte, und natürlich Wieland den Schmied, Hephaistos und Daidalos, stürzte ich mich auf Tane, hawaiisch Kane, den Deus Faber des Inselreiches, um diesen schleunigst zu 'erledigen'. Nach einem Jahr intensiver Lektüre - ich habe damals allermindestens 10 000 Seiten laufenden Text polynesischer Mythen hinter mich gebracht, es gibt viel mehr - , schrieb ich die Ergebnisse zusammen, nach dem schon erprobten Schema F: ich wusste ja schließlich mittlerweile, was zur Ausstaffierung des Demiurgen gehörte: er ist Verfertiger von Himmel und Erde und Menschen; er ist der ursprüngliche Besitzer des Lebenswassers und des ersten Rauschtrankes und beherrscht das Wasser, ob es sich um das Meer handelt oder um Ströme; er ist Architekt und Städtebauer und verfertigt viele noble Kunstwerke und Zaubergegenstände (u.a. die 'Pandora', beim Ilmarinen ist sie aus Gold, bei Goibniu aus Blüten), und er ist der Shah-in-Shah oder Khakhan, König der Könige. Soweit war alles ganz in Ordnung. Aber es wurmte mich doch gewaltig, daß ich von all diesen endlosen Mythen nichts wirklich verstand, gar nichts: es blieb schleierhaft, worüber diese Leute eigentlich so ausführlich Bericht erstatteten. Und die Theorien über die säuberlich nach Fortschrittsgesichtspunkten geschichteten Einwanderungswellen mochte ich auch nicht leiden. Irgendwas stimmte da nicht, alles stimmte nicht, und es schien mir doch angemessener, an meinem Grips zu zweifeln als an dem der Polynesier: daß die was im Köpfchen hatten, bewies ihre schiere Anwesenheit auf allen Inseln. So holte ich mir erst einmal alle Bände der Veröffentlichungen des Museums von Honolulu, die von Archaeologie handeln, und besah mir den praehistorischen Befund, soweit er greifbar war. Dabei stieß ich auf das schmale Bulletin 53 des Museums, genannt "Archaeology of Necker and Nihoa", das sind zwei kleine Inseln der Hawaii-Gruppe. Auf Nihoa könnten bei bescheidensten Ansprüchen 150 Menschen leben, Necker-Island ist hingegen wegen völliger Abwesenheit von Wasser unbewohnbar, und es hat auch nachweislich niemand jemals dort gehaust. Gleichwohl finden sich auf diesem unbewohnten Felseninselchen 33 Maraes, d.i. megalithische Kultplätze.



 

 

"Where then?" fragte der Verfasser Emory, "did the people live who visited Necker for the purpose of erecting maraes or performing rites upon them?" Und dann fragte er nach dem speziellen 'Stil der Bauanlagen und fand sie am ähnlichsten einer Gruppe von Megalithplätzen im Inneren von Tahiti.
Ich habe Ihnen schon öfters gesagt, daß die progressiven Scholaren unter einem malignen Parzival-Komplex leiden, und das trifft auch auf Kenneth Emory zu: nach einem zureichenden Grunde für so phaenornenale Baufreudigkeit hat er nicht gefragt. Als ob es angesiehts von 33 Megalithplätzen auf einem unbewohnten Inselchen eine andere Frage geben könnte, als warum ? Jedenfalls kriegte ich mir erst mal Andrees Handatlas her, und dann traf mich beinahe der Schlag: Necker Island liegt haargenau auf dem Sommerwendekreis (Nihoa ein wenig südlicher). Logischer Weise besah ich mir daraufhin den Wendekreis des Steinbocks, und fand dort Tubuai (nicht ganz genau, aber 'so approximativ' im Sinne von Altgraf Bobbi); ein paar Wochen zuvor hatte ich in meiner Schema F-Abfassung indigniert vermerkt, es sei unerfindlich, aus welchem Grunde in der tahitischen Kosmogonie die Insel Tubuai eine so große Rolle spiele - die Insel entstand aus den von Maui abgetrennten Armen des die Weltmuschel umklammernden Oktopus, und hieß auch Tumu-tai-fenua, "Foundation-of-earthly-heaven."

 

 

Mutter Natur hat es nachlässiger Weise an der Bereitstellung von Inseln direkt auf dem Aequator fehlen lassen; so blieb den pflichteifrigen Polynesiern nichts anderes übrig, als die z.T. unbewohnten Inseln in größter Aequatornähe mit Maraes vollzupflastern, wie Fanning, Christmas Island, Malden - das unbewohnte Malden weist mehr als 35 Maraes auf (Emory Bull.123, 10 ff., 26, 40).




 

Angesichts dieser Sachlage blieb mir nichts anderes übrig, als mit allem von vorne anzufangen und zähneknirschend Astronomie zu lernen. Erst dachte ich noch hoffnungsfroh, es handle sich durchweg um Sonnwendmythologie, aber das erwies sich schnell als Irrtum: Helden oder Götter, die mehrere Jahre unterwegs sind, die zwischendurch umkehren, die "in den leeren Raum" abstürzen und dgl. ließen sich keinesfalls auf die Sonne oder den Mond reimen: das waren Planeten. Es hat aber noch ganz schön lange gedauert, bis ich endlich auf den Trichter kam, daß der hochverehrte Deus Faber und Prototyp des legitimen Kaisers der Planet Saturn sei.

 

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