Saturn und Weltenwebe(1)

Ein Beitrag zur chinesischen Astralmythologie

von Rainer Herbster

Im Altertum hielt man dafür, daß Maß, Gewicht, Leicht

und Schwer vom Dao desHimmels hervorgebracht werden.

(Huai Nan Zi, Kapitel Tian Wen Xun)

 

Zur Problematik der Rekonstruktion chinesischer Mythologie

Mythen und Mythologeme finden sich in allen Literaturgattungen der chinesischen Antike. Will man zu einer Synthese der in der Literatur verstreuten Mythenfragmente gelangen, um ein mythologisches System zu rekonstruieren, so stellt sich dem eine wesentliche Schwierigkeit entgegen:
Die Konfuzianer hatten seit der Hanzeit (ca. -z. Jh.) die in den Klassikern enthaltenen Mythen euhemerisiert. Dies besagt, daß ehemals als mythisch verstandene Herrscher zu historischen umgedeutet wurden.

Damit wurde der mythische Kontext, in dem sie agierten, auch entsprechend verfälscht. Das Shu Jing, das Buch der Urkunden, ist hierfür ein treffendes Beispiel.(2)

In der Hanzeit wurden zudem die Lokalmythen der chinesischen Staaten, die bis zur Reichsvereinigung durch den Ersten Kaiser Qin Shi Huang (-220) eigenständig waren, zu einem Staatsmythos verbunden, der nun den Herrschaftsanspruch der Handynastie legitimieren sollte. Dieser Staatsmythos ist dadurch charakterisiert, daß mit ihm naturphilosophische Spekulationen verbunden wurden, die aus den Philosophenschulen der Yin-Yang und Wu Xing (Fünf Wirkphasen/Elemente) entlehnt waren. Die Grundaussage dieser Staatsideologie kann vereinfacht so dargestellt werden:

Der Makrokosmos, der Himmel, bietet die Ordnung des gesamten Kosmos visuell durch das Verhalten seiner Konstituenten dar. Die Interaktion der beweglichen Himmelskörper Sonne, Mond und Planeten, mit dem Fixsternreferenzsystem erzeugt die ewigen Raum-Zeitperioden. Die wichtigsten Agenten dieser Raum und Zeit erzeugenden Maschine sind die Fünf Planeten. Diese finden gemäß der chinesischen Mikrokosmos-Makrokosmos-Korrespondenz im irdisch-materiellen Bereich ihre Entsprechung in den Wu Xing, den "Fünf Elementen". Genauer und besser übertragen werden sie mit die "Fünf Wirkphasen", die jeden irdischen Prozeß steuern. Im Staatswesen entsprechen ihnen die Fünf Herrscher des Altertums, im Bereich menschlicher Beziehungen die der Fünf Grundbeziehungen und der Fünf Tugenden. Die Zahl Fünf (3) findet somit auf allen Ebenen des Kosmos ihre Entsprechung. Diese numerologische Spekulation gehört aber gerade zu den Charakteristika mythologischen Denkens: Der Himmel zeigt die Wesenheit der Dinge in Zahlen auf. Entsprechen sich verschiedenste Entitäten numerologisch, gleich welcher kosmischen Ebene sie zugehören, so sind sie ihrem Wesen nach als gleiche anzusehen und stehen in einer Beziehung, in der J. Needham den Prototyp der Resonanzvorstellung und der Fernwirkung sehen möchte.(4)

Als bedeutendster Philosoph, der an der Herausarbeitung der Hanzeitlichen Staatsideologie mitwirkte, ist Dong Zhong Shu (-z. Jh.)(5) zu nennen. Bei ihm werden alle Ebenen des Seins gemäß den obigen kosmisch-numerologischen Kriterien geordnet.

Von einer chinesischen Mythologie in dem Sinne, wie wir von der Mythologie der Griechen und Römer sprechen, kann nach obigen Ausführungen nicht gesprochen werden, da wir keine systematische Darstellung des Mythos in der chinesischen Literatur finden.

Hingegen gibt es in der vorhanzeitlichen Literatur einige Werke, in denen ausschließlich Mythen wiedergegeben werden. An erster Stelle ist hier das Qu Yuan (-3. Jh.) zugeschriebene Werk Chu Ci, die Gesänge des Staates Chu, zu nennen. Sein Kapitel Tian Wen, Fragen an den Himmel, beschäftigt sich mit Mythen in der Art einer Sammlung von Fragen, die aber nicht beantwortet werden. Die Fragestellung läßt aber einiges an Schlüssen bezüglich der Mythen zu. Das zweite Werkdieser Art, das Shan Hai Jing, Buch von Berg und Meer, ist eine mythologische Geographie, die in Form eines Reiseführers irdisch-himmlische Geographie beschreibt.(6) Es ist hier schwer auszumachen, ob jeweils eine konkrete geographische Gegebenheit oder himmlische Topoi in irdischem Gewand geschildert werden.

Da bis auf die genannten Kompilationen chinesischer Mythen eine systematische Darstellung des Mythos fehlt, müssen zuvor alle Mythen und Mythologeme der klassischen Literatur Chinas gesichtet und gesammelt werden, bevor man zu einer Rekonstruktion und Analyse der chinesischen Mythologie fortschreiten kann.

Die fragmentarische Art, in der uns die Mythen überliefert sind, lassen das Vorhaben einer Gesamtrekonstruktion der chinesischen Mythologie aber als vermessen erscheinen. Methodisch sinnvoller ist folgendes Vorgehen:
Man wählt ein mythisches Thema aus, das aus anderen Kulturkreisen bekannt ist, und versucht, dieses an Hand der Quellen möglichst geschlossen darzustellen und zu analysieren.
Die nun folgende Abhandlung untersucht das mythische Thema der Weltenwebe.(7)

Für die Wahl dieses Mythologems sprechen mehrere Gründe:
1. Es findet sich in der klassischen und hanzeitlichen Literatur
2. Verglichen mit anderen Mythologemen lassen sich seine astronomischen Bezüge klar erkennen.

Der Theorie H. von Dechends(8) gemäß ist der Mythos die Fachsprache archaischer Astronomie. Im Nachstehenden wird diese Theorie bekräftigt.
Das Mythologem der "Weltenwebe" oder des "Webens der Zeit" findet sich in der Mythologie fast aller Hochkulturen. Es gehört zu der Gattung des Mythos, die als technomorph klassifiziert werden kann.

 

Zu den technomorphen Modellen des Mythos

Der Mythos als Fachsprache archaischer Astronomie erzählt das Himmelsgeschehen in Form von Geschichten. Zur Darstellung der Raum-Zeit erzeugenden Struktur, nicht im Einsteinschen Sinne zu verstehen, gleichsam der Raum und Zeit erzeugenden Maschine, bedient er sich verschiedener Analoga, die aus der Technik stammen, wie des Feuerbohrers, des Mühlsteins, der Mühle und des Webens und dessen Werkzeugen.(9)

In keinem Mythenkreis finden sich so viele Mythologeme aus dieser Technik wie in den chinesischen Mythen, der Kosmologie und Naturphilosophie.

Der folgende Passus aus dem Buche Mo Zi (-5. Jh.)(10) bedient sich der Analoga aus Weberei und Mühlentechnik:

Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne sich als eine Mühle vorstellen, um
deren Konstruktion zu erhellen, die Vier Jahreszeiten Frühling und Herbst,

Sommer und Winter einrichten, um mit Kett- und Schußfäden die Himmelskörper einzubinden.
Die beweglichen Himmelskörper laufen auf dem Mühlstein von West nach Ost und werden durch die Rotation des Mühlsteins von Ost nach West im täglichen Umschwung mitgerissen. Die Vier Jahreszeiten spannen die vier Kettfäden aus, zwischen denen die beweglichen Himmelskörper laufen. Wie dieses genauer zu verstehen ist, werden wir im Fortgang der Untersuchung darlegen.
Das Mühlenmodell findet sich auch bei anderen Autoren. So in Wang Chongs (2. Jh.) Lun Heng, Waage der Erörterungen. Hier werden Sonne, Mond und Planeten mit Ameisen verglichen, die in obiger Weise vom täglichen Umschwung des Himmels mitgeführt werden. Needham(11) sieht hier eine Parallele zu Darstellungen in der Literatur der westlichen Antike. An erster Stelle sind hier Vitruv und Nigidius Figulus, der Töpfer, zu nennen, der den Himmel mit einer Töpferscheibe verglich. Die Frage nach einem möglichen Ideenaustausch soll hier nicht weiter behandelt werden. Für unsere Darstellung ist lediglich der Gebrauch technomorpher Modelle in beiden Kulturkreisen von Bedeutung.


Die Weltenwebe in China
Das Aufspannen des Webstuhls

In einer der ältesten Kompilationen chinesischer Mythen(12), dein schon erwähnten Chu Ci, lautet ein Passus in seinem Lied Tian Wen, Fragen an den Himmel:
Die sich drehenden Wei, wo sind sie befestigt. des Himmels Pfeiler, wo sind sie errichtet ?
In der sonst hervorragenden Hawkes'schen Übersetzung(13) lesen wir hingegen:
How are the Ladle's Handle and the Cord tied togetller" How was Heaven's Pole raised?
Bevor wir versuchen, diese dunkle Passage, der die Hawkes'sche Übertragung noch mehr Dunkel hinzufügt, zu deuten, suchen wir nach vergleichbaren Stellen in der klassischen Literatur.
Das Buch Zhuang Zi ( 4.Jh), das dem gleichnamigen Philosophen der taoistischen Schule zugeschrieben wird. bietet eine Fülle mythischen Materials, das zur Auschmückung und Verdeutlichung seiner philosophischen Lehre dient. In diesem Werk begegnen wir in dem Kapitel "Des Himmels Umschwung"(14) folgenden Worten

Dreht sich der Himmel, ruhet die Erde ?
Sonne und Mond, wo bekriegen sie sich?
Wer beherrscht das Aufspannen (des Himmels),
wer sein Binden mit Schuß- und Kettfäden?

Chang,(15) in seinem Werk über die Philosophie des Buches Zhuang Zi, versteht die Stelle so:

Dreht sich der Himmel? Ruht die Erde?
Streiten sich Sonne und Mond um ihren Platz?
Wer nahm es in die Hand aufzuspannen [den Himmel]?
Wer hat [die Erde] befestigt mit Tau und Seil?

Durch die phraseologische Übersetzung "befestigt mit Tau und Seil" anstatt meiner Übertragung "Binden mit Schuß- und Kettfäden", die den Gebrauch von Webereifachsprache vermuten läßt, erschwert Changs Übertragung das weitere Verständnis.

Die beiden Zitate ermöglichen uns noch nicht zu erkennen, was mit den sich drehenden Wei (Kettfäden) gemeint ist, noch weniger, wie das Aufspannen zu deuten ist. In der vorhanzeitlichen Literatur begegnen wir keiner Textpassage, die uns hier behilflich sein kann.

Im Buche Huai Nan Zi, einer Kompilation der Naturphilosophie, welche in der Hanzeit ca. -150 abgefaßt wurde, finden wir eine Stelle(16), die geradezu als Kommentar zu Zhuang Zi verstanden werden kann:

Der Di hat ausgespannt die Vier Wei und dreht sie mit dem Scheffel

Mit Di wird seit der Shangzeit der höchste Gott bezeichnet, in späterer Zeit auch die Herrscher des Altertums. Maeyama(17) konnte demonstrieren, daß dem Di schon in der Frühzeit der Stern ?- Draconis(18) entsprach. Wegen seiner Nähe zum Himmelspol fungierte er in dieser Epoche als der Polstern.

Seit dem Beginn der Hanzeit (-200) finden sich in der Kosmologie Fünf Di(19). Dies soll nicht heißen, daß diese erst in der Hanzeit erfunden wurden, soweit man Mythen überhaupt "erfinden" kann. Es gibt lediglich keine früheren Belege für deren Existenz. Um welchen der Di es sich hier handelt, werden wir später zu beantworten versuchen. Die Nennung des Scheffels erlaubt es uns nun, die Wei-Seile zu identifizieren:

Der Scheffel -Dou- ist der Bei Dou, der Nördliche Scheffel, nämlich der Große Wagen. Seit dem Beginn astronomischer Betätigung in China kommt diesem eine Schlüsselrolle zu. In seiner einfachsten Funktion dient er als der Zeiger, mit dem die jeweilige Stunde der Nacht abgeschätzt werden kann. Zu einer bestimmten Zeit, zum Beispiel in der Abenddämmerung, beobachtet, vermag er die Position im Jahreslauf durch seine Stellung anzuzeigen. So wird im Buche Huai Nan Zi, Kapitel Shi Ze Xun, Abhandlung über die Gesetzmäßigkeit der Zeit, die Stellung der Deichsel des Großen Wagens für jeden Monat angegeben. Seine bedeutendste Rolle spielt der Große Wagen aber bei der Entstehung der Positionsastronomie in China. Auf der Frühstufe der chinesischen Astronomie waren die sogenannten Vier Kulminationssterne in der Weise mit diesem verbunden, daß die durch diese laufenden Großkreise eben durch den Großen Wagen liefen. Diese Großkreise sind die Vier Wei. Die im Süden kulminierenden Asterismen, welche durch ihre Kulmination in der Abenddämmerung eine Orientierung im Jahreslauf ermöglichen, sind direkt mit dem Sternbild der Nordregion verbunden, dem eine gleiche Funktion zukommt.(20)

An dieser Stelle unsrer Rekonstruktion vermögen wir noch nicht zu erhellen, wer der Di ist, der mit dem Nördlichen Scheffel, dem Großen Wagen, die Vier Wei-Seile aufspannt und in Drehung versetzt.

Aus den bisher herangezogenen Quellen können wir aber bereits das Gerüst des Webstuhls erkennen:

Die Wei-Seile verbinden die Kulminationssterne, die die Vier Weltecken repräsentieren, mit dem Organisationszentrum des Himmels, das durch den Nördlichen Scheffel vertreten wird. Diese Wei-Seile sind folglich die Hauptkettfäden des Himmels, die dessen Nord- und Südregion verbinden. Zwischen ihnen werden weitere Kettfäden gespannt, so, daß endlich 28 Asterismen im Süden mit den Sternen des Großen Wagen und dem Polstern verbunden sind.(21)

Welche Himmelskörper aber umschießen diese 28 Himmelskettfäden und weben so das Gefüge der Raum-Zeitperioden des Himmels und von welcher mythischen Person wird es beherrscht?

Huang Di alias Saturn

Seine Funktion beim Aufspannen des Himmels

Es ist noch nicht geklärt, wer der die Vier Wei-Kettfäden aufspannende Di ist. In dem Kapitel Tian Wen, Abhandlung über die Himmelskunde, des Buches Huai Nan Zi(22) lesen wir:

Die Mitte ist der Wirkphase Erde zugehörig, ihr Di ist Huang Di, ihr Minister der Erdgraf, der über die Lotschnur herrscht und die Vier Kardinalpunkte eingerichtet hat. Ihre Gottheit ist Saturn.

Man vermag diese Äußerung dahingehend zu interpretieren, daß Huang Di und Saturn identisch sind. Um diese Gleichsetzung zu verifizieren, bedarf es aber noch anderer Belege in der klassischen Literatur. Über die Geburt Huang Dis finden wir im Shi Ji, Kapitel Wu Di Ben Ji, die Herkunft der Fünf Di(23):

Seine Mutter hieß Fu Bao. Sie ging in die Wildnis von Qi. Da gewahrte sie einen Blitzstrahl, der den Stern Shu des Nördlichen Scheffels umwand. Davon wurde sie ergriffen, wurde schwanger, und vierundzwanzig Monde danach gebar sie den Huang Di auf dem Hügel von Shou (langes Leben).

Huang Dis Zeugung wurde demnach durch ein Ereignis in der Zirkumpolarregion bewirkt. Eine Verbindung zum Großen Wagen ist somit wahrscheinlich. In einem Kommentar zu diesem Passus wird diese bestätigt(24):

Huang Di heißt Götterscheffel ... was den Götterscheffel anbelangt, so ist er die Residenz Huang Dis, der die gebundene Polachse innehält, die eben Götterscheffel genannt wird. Scheffel bedeutet hier Herrschen...

Der Götterscheffel ist der Nördliche Scheffel, eben der Große Wagen. Da Huang Dis Residenz in der Nordpolarregion liegt, kommt ihm eine besondere kosmologische Rolle zu. Die folgende Beschreibung seiner Herrschaft betont eben diese(25):

Lao Zi sprach: Im Altertum, als Huang Di den Erdkreis beherrschte, da harmonisierte er den Lauf von Sonne und Mond, regulierte die Termine von Yin und Yang und das Maß der Vier Jahreszeiten. Auch bestimmte er die Zahl der Stimmpfeifen und des Kalenders ...Deshalb wichen zu jener Zeit Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne nicht von ihrer Bahn ab...

Nach dieser Darstellung kommt Huang Di die Rolle eines Kosmokrators zu, der die Maße des Kosmos eingerichtet hat. Die Stimmpfeifen liefern in geradezu pythagoräischer Manier das zweite Maßsystem außer dem vom Himmel erzeugten der Raum-Zeitperioden. Stimmpfeifen und Kalender werden zu einem System verknüpft, in dem jedem Monat im Jahreslauf eine bestimmte Stimmpfeife zugeordnet wird. Der Grundton dieses Systems ist die Note Huang Zhong, gelbe Glocke, die mit dem Wintersolstitium, dem Astronomischen Jahresanfang korreliert ist. Huang Di als Schöpfer des Kalenders wird in den folgenden Kommentarstellen dargestellt(26):

Ich habe gehört, im Altertum habe Huang (Di) (den Kalender) erschaffen und (sei) unsterblich geworden ...(27) Huang Di schuf den Kalender. Dieser endet und beginnt wieder erneut, ohne sich zu erschöpfen. Deshalb wird gesagt, (Huang Di) sei unsterblich.

Es wird gesagt, als Huang Di den Kalender geschaffen hatte, da erlangte er die Genialität.

Verglichen mit den anderen Di kommt ihm eine besondere Rolle zu, da er, wie die obigen Darstellungen zeigen, über die Einrichtung der Maße des Kosmos wacht. Bei Huai Nan Zi wird ihm sogar die Schöpfung der beiden kosmischen Entitäten Yin und Yang zugeschrieben(28):

Huang Di erzeugte Yin und Yang

Die der Yin Yang Polarität zugrundeliegende Vorstellung ist der Jahreslauf der Sonne von ihrem tiefsten Punkt, dem Wintersolstitium, dem höchste Yin, zum Sommersolstitium, dem höchsten Yang, und zurück zum Wintersolstitium.

Noch ist die bei Huai Nan Zi angedeutete Identität von Huang Di mit dem Planeten Saturn nicht geklärt. Im Kapitel Tian Guan, die Himmelsbeamten, des Shi Ji wird diese eindeutig bekräftigt(29):

Kalendarisch berechnet man die Zusammenkunft mit dem (nördlichen) Scheffel, um Saturns Position zu bestimmen. Es heißt: (Saturn) ist der Mitte, dem Element Erde zugehörig. Er herrscht über den letzten Sommermonat, über den zyklischen Tag Wu Ji. Er ist Huang Di, der Tugendbeherrscher und Abbild der Herrscherin.

Der Kommentar erörtert(30):

Saturn ist Huang Di, die Essenz dessen, der die gebundene Achse innehält, sein Körper ist das Xuan Ji, eben die Aufteilung der mittleren Xiu.

Der Haupttext führt dann weiter aus(31):

Einer seiner Namen ist Erdgraf, der den Jahreslauf beherrscht... Nach 28 synodischen Perioden hat er den Himmel umrundet. Der (nördliche) Scheffel gilt als die große Kammer der Literatur. Dies ist der Palast Saturns, welcher der Stern des Kaisers ist.

Das Han Shu fügt zu diesen Charakterisierungen Huang Di/Saturns noch hinzu(32):

Von Saturn sagt man, er gehöre der Mitte zu, dem letzten Sommermonat, der Wirkphase Erde, welcher die Loyalität entspricht... Deshalb, so die Vier Planeten von ihrer Bahn abirren, so bewegt sich Saturn für sie.

Warum wird Saturn diese Rolle zugeschrieben?

Unter den fünf klassischen Planeten ist Saturn der mit der längsten Umlaufzeit und am weitesten von der Erde entfernt. Da seine synodische Periode von ca. 378 Tagen nur um 13 Tage länger als die des Jahres ist, wird ihm schon in sumerischbabylonischen Texten eine Quasi-Fixstern-Rolle zugeschrieben, ja er wird mit der Wintersonne gleichgesetzt. Sein akkadischer Name ist Kaimanu, der Beständige(33). Wie wir sahen, wird er in den chinesischen Quellen mit der Loyalität gleichgesetzt. Aufgrund seiner langsamen Umlaufszeit wird er zum Sonnenindikator und ermöglicht damit, die Position der anderen Planeten zu bestimmen, wenn deren Position nicht bekannt ist. Dies ist mit der Aussage im Han Shu gemeint, daß er sich für die anderen Planeten bewege.

Die Gleichsetzung Saturns mit der Sonne findet sich noch in der klassischen Literatur. So lesen wir bei Hyginus(34):

Secunda stella dicitur Solis, quam alii Saturni dixerunt...

In den Saturnalien des Macrobius wird Saturn zudem die Einrichtung der Zeit zugeschrieben, er wird gar mit der Zeit Chronos gleichgesetzt(35):

Saturnus ipse, qui auctor est temporum et ideo a Graecis immutata littcra
Kronos quasi Chronos vocatur, quid aliud nisi sol intellegendus est...

Es bleibt noch zu klären, warum Saturn seinen Sitz, seine Residenz, im Großen Wagen hat. Die obige Shi Ji - Stelle liefert uns den Schlüssel zum astronomischen lerständnis dieser Vorstellung:

Man beobachtet das Zusammentreffen der Position Saturns mit der Verlängerung der Deichsel des Großen Wagens. Da Saturn pro Jahr nur rund ein Dreißigstel des Himmelsumfanges zurücklegt, läßt sich zu jeder Nachtstunde seine Position aufgrund der Deichselstellung des Großen Wagens bestimmen. Damit wird zugleich die Position der Sonne abgeschätzt, woher Saturn seine Rolle als Sonnenrertreter in der westlichen Welt und seine Rolle als Schöpfer des Kalenders in China erhält. Der Große Wagen wird von dieser Funktion her zum Fixstern Stellvertreter Saturns. Auf weitere Verbindungen Saturns mit den Fixsternen kommen wir im Fortgang unserer Untersuchung zurück.
Nach Sichtung der obigen Quellen können wir nun die Frage beantworten. wer der Di ist, der mit dem Großen Wagen die Hauptkettfäden des Himmels aufgespannt hat:

Es ist Huang Di, der Gelbe Herrscher, der am Himmel sowohl durch den ,iroßen Wagen als auch durch den Planeten Saturn repräsentiert Wird.

Huang Di in seiner Funktion als Feuergott

Im Abschnitt über die technomorphe Fachsprache des Mythos wurde auch das Feuerbohren erwähnt. In China wird die erste Erzeugung des Feuers dem Herrn des Feuerbohrers zugeschrieben. Im Zhong Lun, einem philosophischen Kompendium der Hanzeit, lesen wir(36):

Der Herr des Brennspiegels/Feuerbohrers untersuchte die Einrichtung der Jahreszeiten und bohrte Feuer.

Es muß hier bereits verwundern, daß der terrestrische Akt des FetterbohrellS mit einer astronomischen Betätigung verbunden wird, eben der Einrichtung des Kalenders.

Bei Guan Zi heißt es gemäß dem Tai Ping Yü Lan (ca. 10. Jh.). einer sungzeitlichen Enzyklopädie(37):

Guan Zi sagt: Huang Di erzeugte das Feuer mit Spiegel und Bohrer...

Der Begriff Sui(38) kann sowohl den Brennspiegel als den Feuerbohrer bezeichnen. Da hier auch der andere Terminus für Feuerbohrer gebraucht wird, nämlich Zuan, gebe ich Sui mit Brennspiegel wieder. Wie oben dargelegt, wurde Huang Di in der Zirkumpolarregion durch einen Blitz gezeugt. Wir konnten zeigen, daß Huang Di eben in der Zirkumpolarregion herrscht und damit über den Umschwung des Himmels. Das Bohren des Feuers ist somit als kosmologischer Akt zu verstehen: Das Feuer wird in der Zirkumpolarregion gebohrt(39). Zur Erinnerung an die himmlische Abkunft des Feuers wird im Jahreslauf jeden Monat das Feuer erneut gebohrt, mittels verschiedener Hölzer. Dies wird im Kapitel über die Gesetzmäßigkeit der Zeit, Shi Ze Xun, im Buche Huai Nan Zi ausführlich geschildert. Seit der Hanzeit wird zu jedem Wintersolstitium, dem astronomischen Beginn des Jahres, das Feuer mit einem Brennspiegel erzeugt(40).

Huang Di - Saturn als Herrscher über die Weltenwebe

Bisher hatten wir lediglich die Einrichtung der Hauptkomponenten des Himmlischen Webstuhls behandelt. Was sind die anderen Agenten der Himmelswebe?

Im Shi Ji werden diese dargestellt(41):

(Nach der Aufzählung der fünf Hauptsternbilder)
... dies eben sind die Konstellationen der Fünf Beamten des Himmels. Sie gelten als die Kettfäden des Himmels...

(Nach der Aufzählung der Namen für die fünf Planeten)
... dies sind die Fünf Planeten, die Fünf Minister des Himmels und gelten als die Schußfäden...

Damit sind die Kettfäden des Himmels als die Fixsterne und die Planeten als die Schußfäden identifiziert. Von Saturn und Merkur wird gesagt, daß sie in einer definierten Rolle zur Himmelswebe stehen(42):

Saturn herrscht über das Richtigstellen der Kett- und Schußfäden, Merkur über die Korrektur der(er) Regelmäßigkeiten.

Warum wird hier Merkur die gleiche Funktion zugeordnet wie dem Saturn, obwohl diese Planeten geradezu als gegensätzlich klassifiziert werden können:

Saturn ist der langsamste und Merkur der schnellste der Planeten.

Eines der Hauptziele der klassischen Astronomie bestand in der Ermittlung der Sonnenperiode und Bahn. Hierzu wurden alle Himmelskörper herangezogen. Durch sein Quasifixsternverhalten bediente man sich des Saturn als Sonnenindikator. Von hier stammt die Idee, ihn als Wintersonne zu bezeichnen. Merkur, da er der innerste Planet ist, vermag sich nur um einen bestimmten Winkel (ca. 27°), der Elongation, von der Sonne zu entfernen. Damit eignet ihm auch die Rolle eines Sonnenindikators. Im Shi Ji wird analog zu der obigen Beschreibung der Ermittlung der Saturnposition ausgeführt(43):

Man untersucht das Zusammentreffen der Sonne mit einem Chen, um Merkurs Position zu regeln (bestimmen). Von ihm heißt es, daß er der Nordregion zugehört, der Wirkphase Wasser, und daß er die Essenz des höchsten Yin ist...

Dies besagt, daß man seine Position aufgrund einer bekannten Sonnenposition ermittelt. Umgekehrt läßt sich bei bekannter Merkurposition die der Sonne abschätzen. Darauf nimmt der Kommentar zu der Shi Ji Stelle bezug(44):

In der Nordregion ist Merkur, der Wirkphase Wasser zugeordnet, das die Wesen hervorbringt und ihre Ji (Schußfäden, hier wohl Lebensspanne) ausbreitet. Deshalb strukturiert Merkur die Vier Jahreszeiten...

Da Merkur die Positionen der Vier Jahreszeiten bestimmt, eignet ihm mit den Nördlichen Zeitgebern (Chen) der gleiche Name.

Der Begriff Chen hat eine Fülle verschiedenster Bedeutungen. Mit den Nördlichen Chen werden hier zirkumpolare Asterismen bezeichnet, die mit südlichen Sternen in der Weise verbunden sind, daß man zu jeder Nachtstunde im Jahreslauf die Position letzterer auch bei deren Unsichtbarkeit ablesen kann. Damit ist es ebenso möglich, die Lage der beweglichen Himmelskörper abzuschätzen. wenn bekannt ist, in welchem südlichen Sternbild sie jeweils stehen.
Wie oben gezeigt wurde, hat Saturn seinen Sitz in der Zirkumpolarregion, um seine den Kosmos ordnende Funktion zu betonen. Merkur hingegen wird lediglich die Nordregion zugeordnet.
Nachdem wir die beiden Planeten Saturn und Merkur in ihrer Zeit und Raum strukturierenden Funktion dargestellt haben, können wird das Mythologem der Weltenwebe in China in seiner Bedeutung erfassen.
Die Vorstellung der Weltenwebe basiert auf der Interaktion von Planeten und Fixsternen. Die vom Nordpol zu den im Süden liegenden Mondhäusern gezogenen Großkreise werden als die Kettfäden des Himmels verstanden. Diese bilden das Fixsternreferenzsystem für die beweglichen Himmelskörper. Man beobachtet, wann ein synodisches Phänomen, das von einem Planeten gezeitigt wird, wieder im gleichen Fixsternbereich gelegen ist wie vor einer bestimmten Anzahl von synodischen Perioden. Damit läßt sich dann die Beziehung zwischen der synodischen und der siderischen Periode eines Planeten ermitteln. Die Anzahl der Mondhäuser (Xiu), nämlich 28, erwuchs aus der Koppelung der südlichen Asterismen mit dem Großen Wagen. Numerologisch sind so die 28 Mondhäuser, die sich auf die Vier Quadranten des Himmels verteilen, sieben(45) in jedem, somit dem Großen Wagen, dem Nördlichen Scheffel, wesensgleich, da dieser aus sieben Sternen besteht. Aus numerologischer Sicht muß Saturn auch mit den 28 Xiu verbunden sein. Dies läßt uns die zunächst unverständliche Zuordnung Saturns zur Zirkumpolarregion verstehen:

In jedem Jahr steht gemäß der chinesischen Theorie Saturn in einem anderen Mondhaus und hat in 29.46 (aufgerundet auf 30) Jahren 28 synodische Phänomene gezeitigt. Da die 28 Mondhäuser vom Nördlichen Scheffel aufgespannt werden, wird Saturn eben diese Region symbolisch zugewiesen. Saturn umschießt in jedem Jahr durch seine Schleifenbildung einen Kettfaden, um im Bilde der Weberei zu bleiben, der durch ein Mondhaus läuft. Nach 30 Jahren hat er so eine Kette des Himmlischen Webtuchs mit 28 Knoten vollendet, um mit der nächsten Kette zu beginnen.

Anmerkungen:

1 Das in fast allen Mythologien auftretende Thema der Weltenwebe ist astronomisch zu verstehen. Gestützt auf chinesische Quellen, ist es möglich, eben jene astronomischen Gegeben heiten auszumachen, auf denen diese Vorstellung beruht: Fixsterne und Planeten weben, in dem die Planeten bei ihrer Schleifenbildung Großkreise umschießen, die vom Himmelspol oder dem Polstern einer bestimmten Epoche aus durch definierte Asterismen laufen. In China sind dies die Bestimmungssterne der 28 Mondhäuser (Xiu). Hierbei kommt Saturn eine be sondere Rolle zu, da er gemäß der chinesischen Theorie in jedem Jahr einen der durch die 28 Bestimmungssterne der Mondhäuser laufenden Großkreise umschließt.

2 Karlgreen, B.: Glosses an the Book of Documents. Bulletin of the Museum of Far Eastern Antiquities 20, 1948, S. 39ff.

3 Maeyama, Y.: The Four Cardinal Points of the Compass and the Chinese Lunar hlan~ion.. Frankfurt a.M. 1992, SS. 28ff., 42, Fig. 6.7

4 Needham, J.: Science & Civilisation in China (SCC). Vo1.2. Cambridge 1956, S. 282ft.: Cassirer, E.: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil. Darmstadt 1953, S. 169tt.

5 Franke, O.: Studien zur Geschichte des konfuzianischen Dogmas und der chinesischen Staatsreligion. Hamburg 1920, S. 113ff.

6 Finsterbusch. K.: Das Verhältnis des Schan-Hai-Djin zur bildenden Kunst, Berlin 1952

7 Eisler, R.: Weltenmantel und Hinunelszelt, München 1910; Onians, R.B.: Thc Origin, of European Thought, Cambridge 1954

8 Santillana, G. de und Dechend, H. von: Hamlets Mill, Boston 1969

9 Needham, J.: SCC Vol.2, Cambridge 1956, S. 554ff.

10 Mo Zi, Kapitel Tian Zhi Zhong, S. 43

11 Needham, J.: SCC Vol. 3, Camhridgc 1959, S. 214ft.

12 Chu Ci, Kapitel Tian Wen, S. 26

13 Hawkes, D.: Ch'u Tz'u, The Sones of the South. Oxtirrd 1919

14 Zhuang Zi, Kapitel Tian Yun, S. 112

15 Chang, Ts. T.: Methaphysik, Erkenntnis und Praktische Philosophie im Buche Chuang Tzu, Frankfurt a.M. 1982, S. 18ff.

16 Huai Nan Zi, Kapitel Tian Wen Xun, S. 196

17 Maeyama, Y.: The Four Cardinal Points ...S. 27ff.

18 Herbster, R.: Die Grundlagen der frühen chinesischen Astronomie, Bestimmung der Periode und Bahn der Sonne, Frankfurt/Main 1986, S. 56ff.

19 Hierzu das Kapitel "Feng Shan Opfer" im Shi Ji, den historischen Aufzeichnungen des Si Ma Qian

20 Maeyama, Y.: The Four Cardinal Points..., S. 30ff.

21 Maesama, Y.: The Four Cardinal Pomts... , S. 30ff.

22 Huai Nan Zi, Kapitel Tian Wen Xun, S. 6a

23 Shi Ji, Kapitel Wu Di Ben Ji. S. 1

24 Shi Ji, Kapitel Wu Di Ben Ji. S. 23, Kommentar 15

25 Wen Zi, Kapitel 1, S. 9b

26 Han Shu, Kapitel Lü Li Zhi, S. 975

27 ibid. S. 976 Kommentar 5

28 Huai Nan Zi, Kapitel 17, S. 5a

29 Shi Ji, Kapitel Tian Guan Shu, S. 1319ff.

30 Ibid. Kommentar 1 31 ibid. S. 1320

32 Han Shu, Kapitel Tian Wen Zhi, S. 1285

33 Gössmann, P.F.: Planetarium Babylonicum (=Deimel, Sum. Lex. 4.2 ), Rom 1950, Stich wort Saturn; Scherer, A.: Gestirnnamen bei den indogermanischen Völkern, Heidelberg 1953

34 Hyginus, astr., 2,42,6

35 Macrobius, Sat. 1,22,8

36 Zhong Lun, Kapitel 1, S. 2a

37 Tai Ping Yu t-in, Kapitel 79

38 Needham, J.: SCC Vol.4.1, Cambridge 1962, S. 87ff.; Bodde, D.: Festivals in Classical China, Princeton U. Press 1975, S. 299ff.

39 Deehend, H. von: Hamlets Mill, S. 140f.

40 s.o. Anmerkung 38

41 Shi Ji, Kapitel Tian Guan Shu, S. 1350

42 Ma Guo Han, 55/456

43 Shi Ji. Kapitel Tian Guan Shu . S. 1327

44 ibid. Kommentar 2

45 Maeyama, Y.: The Four Cardinal Points..., S. 36: Zur Änderung der Zahl der Sterne des Großen Wagens.

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Quellen

Chu Ci, Kapitel Tian Wen, S. 2b:

Han Shu, Kapitel Lü Li Zhi, S. 975:

Kommentar 5:

 

 

 

 

 

 

 

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