Zu Wildbeuterkulturen und ihre astronomischen Kenntnisse
(zum Komplex: Herren der Tiere)
(aus: Kosmologische Grundlage der Spiele WS 1978/79 und Einf. i. d. archaische Kosmologie, Vorlesung WS 1976/77)

 

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Wie leicht sich Evolutionisten und marxistische Historiker - in Hinsicht auf frühe Geschichte sind die beiden kaum auseinander zu halten - wie leicht also sich diese beiden aus der Affaire ziehen, sei Ihnen zusätzlich illustriert an der Interpretation bemalter Kiesel, pebbles, aus dem Spät-Magdalenien, d.h. aus einer Unterabteilung des sog. Tardenoisien, dem Azilien, so genannt nach dem Fundort dieser bemalten Kiesel im südfranzösischen Mas d'Azil. Früher hat man die Funde auf -10 000 datiert, heute plädieren die wildesten 'Runter-Datierer' für 5000, gemäßigtere für 8-7000; in jedem Falle scheinen sie vorneolithisch zu sein und werden gerne unter "mesolithisch " eingereiht, kurzum, sie gehören ins Jungpaläolithikum. Edouard Piette, der die Station im Jahre 1887 gefunden hat (Obermaier 217-19), interpretierte die 'eine Gruppe seiner Kiesel als "Zählsteine", eine zweite "schlechthin als graphische Zeichen", die dritte als "alphabetische Zeichen" und befand, "daß uns die Höhle von Mas d'Azil wie eine große Schule erscheint, wo man Lesen, Rechnen, Schreiben und religiöse Sonnensymbole lehrte und lernte'." Hugo Obermaier war nicht dafür, nach einem, eventuell aus den sog.'Zählsteinen' zu rekonstruierenden Zahlensystem zu fahnden, "da man nicht leicht einsieht, d.aß für die Azylienbevölkerung schon irgend ein praktisches Bedürfnis zu höheren arithmetischen Kalkülen vorhanden gewesen wäre...Ebensogut können auch magische Kult-oder Zauberplättchen oder nur bloße Spielsteine --ähnlich unseren Dominos und Lottospielen - vorliegen, wohl kaum aber nur aus Zeitvertreib gefertigte kindische Malversuche, wie sie die Laune oder der Zufall ergaben. "

Der Pater Johannes Maringer (The Gods of Prehistoric Man79 ff.) verglich, wennschon nicht als erster (Obermaier 220), die Zeichen auf den Kieseln von Mas d'Azil mit denen auf den Churingas oder Tjurungas zentralaustralischer Stämme. Tjurungas sind sog. "Seelensteine" oder "Seelenhölzer", ovale oder runde Scheiben mit eingeritzten Totemzeichen. Jedes Kind erhält bei seiner Geburt seine individuelle Tjurunga mit ganz spezifischen Zeichnungen, worinnen seine Seele residiert; Knaben dürfen anläßlich der Initiationszeremonien ihre Tjurunga sehen, weibliche Wesen bekommen die ihren während ihres ganzen Lebens nicht zu Gesicht: sie werden an den jeweiligen heiligen Plätzen auf das sorgsamste verborgen aufbewahrt. (Krimi-Fans laufen solche Plätze nebst Tjurungas zuweilen in Upfields "Bony"-Stories über den Weg). Maringer zieht den "Seelensteinen" den Ausdruck "ancestor stones" vor und befindet, es sei "very probable that the painted pebbles were likewise 'ancestor stones'. This theory is far more plausible than others that interpret the Azilien pebbles variously with writing stones, phallic symbols, soothsayer's magic
Die "Phallus-Symbole" sind stupider als selbst in unseren vertrottelten Zeitläuften erlaubt, was allerdings den Professor Leroi-Gourhan aus Paris auf seine alten Tage nicht daran gehindert hat, im Zuge der Porno-Welle alle Felsbilder auf ihren sex appeal hin 'neu' zu deuten, und das hat ihm mindestens eine wohlwollende Besprechung im ach! so sachverständigen Spiegel eingetragen.


Spiele-Elemente und ihr Alter (Ursprung, Neolithikum)

Der "Abriss der Vorgeschichte" (H. Obermaier, 25 B) macht es kurz und registriert aus Mas d'Azil vor allem mit Punkten und Linien bemalte Kiesel, die wohl magischen Zwecken dienten."

Sehen wir uns die Vorschläge an: Zählsteine, schlechthin graphische Zeichen, alphabetische Zeichen, religiöse Sonensymbole, ancestor stones, soothsayerls magic stones, magische Kult-oder Zauberplättchen, oder aber "n u r bloße Spielsteine, ähnlich unseren Domino-oder Lottospielen." Hinsichtlich des letzteren Vorschlages kann man nur entschuldigend feststellen, daß der Professor Obermaier einfach nicht wußte, daß Domino-artige Spiele beträchtliche mathematische Kenntnisse voraussetzen, daß er also mit diesen "nur bloßen Spielsteinen" seiner gerade zuvor geäußerten Ansicht widerspricht, für die Azilienbevölkerung habe kein praktisches Bedürfnis , nach höheren arithmetischen Kalkülen vorgelegen. Ich schlage vor, solche 'Erklärungen' als magische Abwehrmaßnahmen arrivierter Kultursachverständiger zu verstehen, Zaubersprüche, mittels derer jeder ernsthafte Gedanke sich wirksam bannen läßt. Wenn der Pater Maringer schon die Azilien-Kiesel mit den Tjurungas vergleicht, und die soothsayerls magic stones weit von sich weist (aus speziellen Gründen der Wiener Schule), wie wäre es, er kümmerte sich einmal gründlich um die wirkliche Bedeutung der Tjurungas, und wie wäre es, es prüfte dieser oder jener einmal, ob man überhaupt mit Alternativen konfrontiert sei, oder ob nicht vielleicht Wahrsage-Steine, Zähl-Kiesel, Sonnensymbole, Seelen-und Spielsteine einander keineswegs ausschließen. Be-denken Sie die Herkunft sowohl des Totemismus --und die Tjurungas sind Elemente des Totemismus -- als auch des timäischen Mythos von der Fixsternseele aus der jungpalaeolithischen Konzeption von den Sternbildern als Herren der Tierarten, Frobenius 'Interpretation frankokantabrischer Felsbilder als "astrale Tiermalerei", die Rolle des "Bärengestirns" in jungpaleolithisch gebliebenen Wildbeuterkulturen, dann bemerken Sie von alleine, wie unangemessen die KategorienSchubladen sind, in die man die Azilien-Kiesel, und natürlich nicht nur diese, hineinzwängen will.

Den akuten Anlaß, auf die mehrdeutigen Kiesel aus dem Spätmagdalenien sich einzulassen, boten Wilhelm Gundels und Joseph Needhams Ausführungen zum Würfel-Orakel des Alexander-Romans und zum chinesischen Divinationsschach speziell Needham's Feststellung:"It is obvious that the throwing of things lent itself to divination as well as to games from the earliest periods"---obviously eine 'magische'Aussage. Womit nicht gesagt sein soll, das 'Werfen' sei ein unwesentliches Element. Solches zu postulieren, wäre für Angehörige der deutschen Sprachfamilie besonders ungehörig: daß wir unter einem Würfel mittlerweile einen Cubus verstehen, weil wir nur kubische Würfel kennen, ändert nichts an der Tatsache, daß Würfel von "werfen" kommt und ein striktes Spielwort ist. Und von den "Fällen", den casus (Nominativ, Genitiv usw.) hat Ernst Sittig in einer trefflichen Abhandlung dargetan, daß auch sie aus der Würfelsprache kommen, präziser gesagt: aus der Astragalensprache, just wie die Namen der indischen Weltalter. (Das Alter der Anordnung unserer Kasus und der Ursprung ihrer Bezeichnung als 'Fälle'.Stuttgart 1931.Vgl. Varro II 10.22, ordnet Fälle auf Spielbrett an).Und wenn da heutzutage ohne Unterlaß von gleichen oder ungleichen "Chancen" geredet wird, so bedenken Sie, daß chance von cadentia kommt, wiederum vom fallen (cadere) der geworfenen Astragaloi. Für die des Griechischen Kundigen sei bemerkt, daß eventuell dikê von dikô abzuleiten ist (von diesem Verbum nur die Aorist-Form enthalten); jedenfalls erklären die antiken Glossatoren dikê stets mit ballô, eben werfen. (Von der gleichen Wurzel sollen diskos und diktyon, das Fischernetz, stammen;diskoura =Wurfweite des Diskos, Il.23.233.Huizinga 131 stimmt für die Ableitung des "Rechts" vom Werfen, Werner Jaeger war anscheinend dagegen).

Der Wilhelm Gundel hatte gesagt (199):"Die wichtige astrologische Lehre der klêroi oder sortes muß ursprünglich aus einem Würfelorakel, dessen Bestandteile ein Würfelbrett mit den kosmischen Gottheiten und acht verschiedene Würfel bildeten, geflossen sein. Das mag auf alte Zeiten zurückgehen, welche den Begriff eines Naturgesetzes, das den Planeten ihren Lauf vorzeichnet, noch nicht kennt, sondern überall spontanen göttlichen Eingriff, Laune und Willkür sieht. Denn selbst den Planeten wird ihr jederzeitiger Standort durch Los zugewiesen, und wie droben am Himmel, so würfelt der orakelnde Gott auf dem Pinax den momentanen Stand der Planeten."

Abwehrzauber auch dies, aber was ist an den Sätzen so besonders irritierend, ganz abgesehen von dem schauderhaften Gebrauch, den Gundel von unserer Muttersprache macht? Es ist nicht nur die dumme Überheblichkeit gegenüber einer "alten Zeit, die den Begriff eines Naturgesetzes nicht kennt: wir kennen diesen Begriff sehr wohl, aber das hat nicht verhindert, daß es als viel bejubelter "dernier cri" gilt, die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten auf schieren Zufall zurückzuführen, und die Vertrautheit mit dem Begriff eines Naturgesetzes hat auch nicht den Brauch unterbunden, aus Karten und mittels des I-Ging zu weissagen; wer darüber lauthals loslacht, dem ist noch nie ein Tarot-Sachverständiger und I-Ging-Kenner über den Weg gelaufen: man kann da recht beunruhigende Erfahrungen machen.

Davon aber abgesehen sollten wir doch ein paar nackte Tatsachen berücksichtigen:

1) daß das erste opus, in dem nachweislich Wahrscheinlichkeitsberechnungen angestellt wurden, das "Liber de Ludo Aleae", das Buch über das Würfelspiel, gewesen ist, das der Gerolamo Cardano stückchenweise geschrieben hat, anfangend etwa 1537, das aber im Druck erst 1663 erschien (Ore 12/). Cardanos Abhandlung über das Schach ist leider verloren gegangen.

2)daß nicht von ungefähr in, wenn ich so sagen darf, für Mathematik besonders anfälligen Kulturen wie denen der Inder und der Maya, Zeitzyklen von immenser Länge ins Auge gefasst wurden: ein Kalpa währt bescheidene 432 000 000 Jahre.

3)daß Herr Gundel - so gut wie wir - gewußt hat, daß den hellenistischen Würfelorakeln die babylonische Astronomie (und natürlich die griechische) v o r a n gegangen war, daß man also über die "Gesetze", nach denen die Planeten umlaufen, lange vorher gründlich Bescheid wußte.

Es handelt sich bei der alten Astrologie, also der Ahnfrau des entarteten Nektanebos-Würfelbrettes, genau um das Gegenteil eines Glaubens an "spontanen göttlichen Eingriff, Laune und Willkür",vielmehr um die Überzeugung, daß alles nach einem Gesetz geregelt sei, aber nach einem so wahrhaft un-menschlichen, daß sich die Wiederkehr des absolut Gleichen, der Cadentia/Chancen-Gleichheit, das Aufgehen auch der letzten Stelle hinter dem Komma, nur nach Monstre-Perioden wiederherstellt, während es dem Menschen so vorkömmt, als sei seine winzige Portion Leben, deren er sich bewußt ist, wenigstens zur Hälfte von ir-rationalen Zufällen gelenkt. Martin Nilsson hat einmal Religion definiert als "man's protest against the meaninglessness of events". Ich würde von gleichwelcher Definition von Religion lieber absehen, aber das Vertrauen darein, daß events nicht meaningless sein können, und die Hoffnung darauf, irgendwann doch hinter "das" Weltgesetz, hinter die Spielregeln des großen petteutês zu kommen, scheint mir nicht nur eine angeborene Eigenschaft unserer Spezies zu sein, sondern Grundlage und Antrieb der Naturwissenschaft.

Ob Sie sieben oder acht Würfel mit sechs Seiten auf ein Brett mit 64 Feldern werfen oder auch nur, wie beim Herakles-Orakel in Achaia, vier Astragaloi mit nur vier Seiten auf ein Brett mit möglicher Weise nur 30 Feldern: Sie können, auch als mathematisch unbedarftes Individuum, nicht um die Erfahrung herumkommen, daß sich aus der Kombination zahlenmäßig begrenzter Faktoren eine praktisch unbegrenzte Zahl von schêmata ergibt, just so unbegrenzt wie die möglichen Stellungen von Planeten zueinander und zu den Fixsternen zur bestimmten Stunde am jeweils gegebene geographischen Ort. Von irgendwoher aus aber, von Gott und der ‚unbewegten Ewigkeit' aus, muß der Lauf der aya, der Würfe, und das Gewebe der Planetenbahnen durchsichtig, überschaubar, immer-schon-da und mithin vorherwißbar sein: der Gottheit lebendiges Kleid schon fertig, das da am sausenden Webstuhl der Zeit gewoben wird; aber Chronos ist eben definiert als das "nach der Vielheit der Zahl bewegte Abbild der unbewegten Ewigkeit".

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Zu Spielen im polynesischenRaum

Hat O.F. Raum sein "problem" aufgelöst, nämlich "whether the peculiar employment of the rolling-target-game in certain ritual situations ... can be due to a universally active genius of combination following similar paths in many localities", oder ob mit Diffusion zu rechnen sei? Er hat es m.E. nicht aufgedröselt, ganz davon abgesehen, daß von "universal" klärlich keine Rede sein kann. Das Material ist zu dünn, die verglichenen "rituellen Situationen" sind a) zu unterschiedlich, b) zum Teil downright falsch interpretiert, und Raum hat sich an das rolling seines targets nicht gehalten. Das tun wir hier auch nicht, aber wir haben diesen Begriff auch nicht zu einem Haupt-Programmpunkt erkoren.

Detaillierte Fragen nach Diffusionsrouten kann man, denke ich, erst dann stellen (und gegebenenfalls beantworten), wenn man sich über den primären Sinn der ganzen Angelegenheit halbwegs klar geworden ist, oder sagen wir vorsichtiger, wenn man glaubt, ein Zipfelchen dieses Sinns erwischt zu haben. Und da rangiert an erster Stelle, daß man die mannigfaltigen Bewegungen "oben" als das Schleudern, Schießen und Werfen von Speeren, Pfeilen und Bällen interpretiert, bzw. sprachlich ausdrückt, um dann diese Tätigkeit hienieden pflichtschuldigst in mehr oder weniger "heiligen" Zeremonien nachzuvollziehen. Daß v o r solcher "heiligen" Anwendung die nüchterne Erfindung von Speeren, Bogen und Pfeil steht und deren ebenso nüchterne Anwendung auf der Jagd und im Kriege, das dürfte sich von alleine verstehen. Die Erfindung von Bällen zu beurteilen und einzuordnen, fällt schon sehr viel schwerer.Könnte man nachweisen, daß schon die Jungpaläolithiker --und das meint auch u.a. Buschmänner, Naskapi, bestimmte Australier -- formuliert haben, "droben" werde geschleudert und geschossen, dann müßten alle unsere einschlägigen Spiele dem P r i n z i p nach aus der Mittelsteinzeitstammen. Was natürlich über die Bedeutsamkeit der einzelnen "sophisticated" und komplizierten Spiele noch nicht viel sagen würde. Ein derartiger schlüssiger Beweis ist noch nicht erbracht, aber das wird sich ändern; ich erinnere jetzt nur an die Mantisgeschichten der Buschmänner - Kaggen / Mantis, den ich für den Merkur halte, bewegt sich ja besonders gerne fort, indem er seinem Pfeile folgt - und an die Rolle der Planeten bei den Serente in Südamerika, wo sie als Jagdhelfer fungieren.

Wie Sie diesen, reichlich mangelhaften, Ausführungen entnehmen können, gebe ich nicht viel auf das Unterscheiden von rolling target, festen Ballspielringen und dem Schießen mit dem Bogen, noch nicht jeden hängt nicht zuletzt davon ab, was für Waffen verfügbar oder beliebt sind - den Kautschuk für ihre Bälle allerdings ließen die Mexikaner von weit her anliefern. Die Azteken z.B. haben erstaunlich wenig mit dem Bogen im Sinn gehabt; der Bogen ist das Abzeichen der Chichimeca, das später auf die, nunmehr Mexikaner umbenannte, Azteken übergeht, und damit hat es sich; wenn Tlauicalpantecutli / Venus Morgenstern "schießt",so setzt er seinen Pfeil mit dem atlatl in Bewegung, dem Wurfbrett, d.h. der Speerschleuder, einem ausgemacht paläolithischen Instrument. Auch die Polynesier benutzen keinen Bogen --auf eine gewichtige Ausnahme kommen wir in Kürze zu sprechen - weswegen ihnen ja auch der Mythos von der Pfeilkette als Mittel zur Ersteigung des Himmels abgeht.

Die Polynesier betrieben, wie Raum formulierte, ein Rohr-Speer-Spiel als "national game", aber, wie schon betont, kann von einem "rolling -target-game" die Rede nicht sein. Es handelt sich um das "Tika" genannte Spiel, für das Hans Damm (Das Tika-Spiel der Polynesier.BA 19, 1936, 5-17,p.5) den Titel "Springender Stab" vorgeschlagen hat, "denn das Spielgerät ist in allen Fällen ein Stab, der auf eine Anwurfstelle geschleudert wird und dann in langen Sätzen über den Boden hinspringt." Die Spielplätze (meist marae) geheißen, waren lang und schmal (auf Fiji zuweilen 200-250 m lang bei einer Breite von 6-7 m) und wiesen zuweilen an beiden Enden der Wurfbahn kleine Erdhügel als besondere Abwurfstellen für den Stab auf. Auf den Ellice-Inseln mußte der Wurfstab durch ein 20 cm vor der Abwurfstelle aufgebautes "bull's eye" (mata-tika, also Tika-Auge) gehen, und von Hawaii wurde berichtet, "daß die Eingeborenen den Stab durch mehrere hintereinander aufgebaute halbkreisförmige Reifen... schießen", was Damm an unser Krockett erinnerte (er nennt's aber Criquet). Man verband, das sei angemerkt, das Spiel mit hemmungslosem Wetten, und Fornander (VI 200) konstatierte: "The betting sometimes is continued until the girdle at the waist is lost also, and the looser stands stark naked; then the game ceases." In diversen Variationen des Maui-Zyklus wird Tika gespielt in dem Augenblick, als Maui sich seiner Familie zugesellt, d.h. zu Mutter und Brüdern oder zu beiden Eltern und Brüdern, und bei diesem Spiel zerstört oder beschädigt Maui das Haus des Vaters oder der Mutter. Für solche, die den Maui nicht kennen: wir wissen nicht sicher, um wen es sic handelt: die größte Ähnlichkeit zeigt er mit dem germanischen Thor, dem indischen Indra und mit dem Heraklesles dürfte sich also wahrscheinlich um einen Avatara des Jupiter handeln. Maui kommt jedenfalls zum TikaSpiel meistens vom sog."Himmel" aus, in jedem Falle von seinen Pflege-Eltern aus, die den als Embryo Ausgesetzten oder einfach Verlorenen, großgezogen haben. Der dem biblischen Joseph entsprechende Aukele-nuia-Iku --"Benjamin" ist ein Mädchen - schleicht sich aus (auf Hawaii) der Obhut des ängstlichen Vaters, um die ihm übel wollenden Brüder zu treffen (sich anzumelden, schießt er einen Pfeil in ihr Haus); die Brüder veranstalten, ganz wie die Mauis, gerade "exhibitions", "of all the sporting games known to them, such as wrestling, boxing, to wrestle on all fours, to hide a pebble under piles of kapas, to dance, to roll the stone disc (maika), to jump from high cliffs into the water, to make the spear glide, and various other games" (Fornander V 34). Dabei machen die Brüder den Versuch, den bevorzugten Sohn Nr.11, eben Aukele, zu töten, er bricht ihnen aber diverse Gliedmaßen, wirft sie ins Meer und dgl. mehr (für Tangaroa-Zwillinge gegen "Seven dwarf sons of Pinga" s.Gill 118 f.) Daß dieser Aukele aller Wahrscheinlichkeit nach ein Avatar des Mars ist, schickt sich gar nicht für einen 'joseph', aber das kann ich nicht ändern.

Das Spiel mit dem "springenden Stab", der zuweilen durch feste Halbreifen oder ein "bull's eye" getrieben werden muß ,heißt in Polynesien durchweg tika --auf Hawaii: pahe--, auf den melanesischen Neuen Hebriden und in Assam in Nordwest-Indien sika. Auf Tahiti aber, also auf den Gesellschafts-Inseln, wird mit diesem Namen te'a // Damm 14:"In die tika-Reihe gehört das tahitische te'a, womit jedoch das Bogenschießen der Arii bezeichnet wird. " // das rituelle Bogenschießen der Arii, also der Aristokraten, benannt. Tatsächlich hat Emory im tahitischen Papenoo-Tal nicht weniger als vier megalithische "archery platforms" freigelegt (Bull. BPB Mus.116,41 ff.,cf. Handy, Bull.79,58 f.). Und mit dieser als "besonders heilige Übung" angesehenen Bogenschieß-Konkurrenz auf megalithischen Anlagen in Tahiti gewinnen wir den Anschluß an das rituelle Bogenschießen in China, wovon gleich mehr.
Erst müssen wir noch einen Seitenweg einschlagen, auf daß Sie erkennen mögen, wie kompliziert die Tätigkeit des Vergleichens ist. Hans Damm beginnt seinen Artikel über das Tikaspiel der Polynesier im Baessler-Archiv 19,1936, dem Festband für Georg Friederici, mit den Sätzen:

"Friedrici hat vor wenigen Jahren in einer Arbeit "Zu den vorkolumbischen Verbindungen der Südseevölker mit Amerika" eine Anzahl geographischer Parallelen aufgezählt, die...die unerschütterliche Beweiskraft tatsächlich vorhandener kultureller und damit 'völkischer Zusammenhänge' zwischen Ozeanien und Amerika haben. Zu diesen Parallelen rechnet er u.a. ein in weiten Teilen der Südsee unter dem Namen 'tika' bekanntes Sportspiel... Dieses Tika ist den Amerikanisten als 'Schneeschlange' von nordamerikanischen Indianerstämmen bekannt; es hat sich auch unter den Australiern als 'Känguruhratte' großer Beliebtheit erfreut." Schluß des Zitats von Damm und Beginn eines neuen, nämlich aus der Arbeit von Friedrici.

Das geht ein bißchen zu hurtig, und Friederici hat verabsäumt, den Culin (389-420) zu lesen, sonst hätte er gefunden, daß das "snow-snake"-Spiel nicht nur von "Irokesen und Huronen im heutigen Staate New York und in Kanada" gespielt wurde, sondern von zahlreichen Algonkin-Stämmen im nordöstlichen Waldland, vom Attapasken-Stamm Takulli in British Colümbia, unter den Irokesen nicht nur von den Huronen, sondern auch von den Seneca, deren Ursa-maior-Jagdgeschichten wir betrachtet hatten, von den Sioux-Stämmen Assiniboin, Dakota, Mandan und Omaha, von den Kiowa, den Pawnee (Caddo) und von den altcalifornischen Stämmen Pamo und Yokut. Friederici wollte nur generell Material.für die Verbindung Südsee-Amerika zusammenstellen, und das ist auch ganz recht so, aber für uns kommt die Frage nach der Altersbestimmung hinzu, und damit sind wir im Handumdrehen auf die spiegelglatt gefrorene Straße geraten. Um den Mitbürgern keine Gelegenheit zur Schadenfreude zu bieten, ziehen wir uns lieber zurück und bemerken nur so viel: wenn sowohl bei der "Schneeschlange" als auch bei dem Ring-und-Stab-Spiel auf der einen Seite Süd-Australien --"Smyth 1 352 ff'.für Schneeschlange--,auf der anderen Seite das nordöstliche Waldland Nordamerikas mit vielen Algonkin-Populationen berücksichtigt werden wollen, so wittert man Jungpaläolithikum. Beide Spiele sind jedenfalls sehr alt. //hoop-and-pole bei Yokut s. Kroeber: Handbook Ind. Calif.539; 846 f. nicht bei Yurok und Hupa,fehlt im ganzen NW von Calif .//

Ist es aber "koscher", mit Friederici von dem "springenden Stab "alias Schneeschlange zum Ring-und Stabspiel zu hüpfen nur so mit der Redewendung:"kommt nun zum Spiel der einfachen Schneeschlange der rollende Stein oder kleine Reifen hinzu, so haben wir das Chungkee-Spiel? Chunkey unterscheidet sich vom hoop-and-pole-game nur durch Verwendung eines Steines an Stelle eines Holzreifens, und wird von Culin auch nicht gesondert, sondern unter den anderen hoop-and-pole-games mitbehandelt.

(485 fff. 488 Abb. chunkey yard der Muskogee in Georgia; 510: Dakota-Sioux, Abb.675 Chunkey Stones; 512:Abbildung Mandan, die haben aber auch netted hoops)

 

Zur Theorie der Diffusion

Der langen Rede kurzer Sinn: Mythen müssen ernst genommen, Traditionen auf ihre ursprüngliche Bedeutung hin untersucht und verglichen werden, bei welchem Vergleich die Ergebnisse der kulturhistorischen Ethnologie zu beherzigen sind, und zwar die der neueren Kulturhistorie, über die noch ein paar Worte zu sagen sind, weil sich die Ansichten über die consecutio temporum gewandelt haben.

Die vielen Verbreitungskarten, das wurde schon gesagt, brachten an den Tag, daß Kulturelemente und Mythen nicht etwas gleichmäßig über alle Kontinente verteilt sind. Vielmehr findet sich eine Serie von Kulturlementen jeweils in einer Sektion von Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika, eine andere Garnitur von Elementen in anderen Winkeln der Kontinete. Und dieser Befund veranlasste Leo Frobenius zur Aufstellung seiner Kulturkreistheorie (1898: Der Ursprung der afrikanischen Kulturen; 1902: Der westafrikanische Kulturkreis). Über das Schicksäl der Kulturkreistheorie wollen wir nicht handeln, Frobenius selbst distanzierte sich später von diesen ersten Arbeiten; andere Schulen, speziell die in Wien, entwarfen munter ihre eigenen Kulturkreise, aber an dem Vorhandensein von so etwas wie Kulturkreisen kann schwerlich gezweifelt werden, nenne man sie "culture areas" oder wie auch immer, nehme man deren fünf an, oder mehr oder weniger. Aus den "Kreisen" Schichten zu machen, darum ging es; d.h. es galt, die historische Aufeinanderfolge zu klären. Über e i n Prinzip der Altersbestimmung war man sich früh einig: was sich in den unzugänglichsten, unwirtlichsten Winkeln der Erde fand in Wüsten, im heißesten Regenwald, in den kältesten Randzonen im Norden und Süden . was sich dort fand, war als das jeweils älteste anzusehen, denn solche Quartiere würde sich freiwillig keine Population aussuchen; zudem waren entsprechende Vorgänge in historischer Zeit beobachte worden, z.B, die Verdrängung von Buschmännern und Hottentotten durch Bantu Stämme, die unter den Augen der Weißen stattfand. Von diesem, in der Tat einleuchtenden Prinzip aber abgesehen: wie schichtete man die Kulturen aufeinander? Sagen wird es mit den Worten des Professors Pater Wilhelm Schmidt, des Begründers der Wiener Schule der kulturhistorischen Ethnologie (Schmidt Koppers P 31): Die Ethnologie, so sagte er, "hatte ihr letzten Aufschwung genommen und zwar in den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts in einer Zeit, wo das Entwicklungsprinzip zur beinahe schrankenlosen Herrschaft gelangt war und wo noch dazu dieses Prinzip nach den Anschauungen eines krassen Materialismus, der ebenfalls damals in Blüte stand, gefasst und zur Anwendung gebracht wurde. Nach diesen Anschauungen wäre die Entwicklung des Menschengeschlechtes im Großen und Ganzen überall eine aufsteigende, aus niedrigster Tiefe zu glorreichen Höhen hinaufführende gewesen. Je unbeholfner ein Werkzeug, eine Waffe, je seltsamer, grässlicher ein Brauch, eine gesellschaftliche Form oder Einrichtung, eine religiöse Anschauung oder Kulthandlung wäre, umso älter sei sie, um so näher zum Anfang der Entwicklung hin sei sie anzusetzen.Man sieht bei einigem nachdenken leicht, daß man hier einfach Klassifikationsreihen, die noch dazu nach ganz subjektiven Werturteilen konstruiert worden waren, zu tatsächlichen Ursprungs und Entwicklungsreihen macht, ohne nachgewiesen zu haben, daß die angesetzte Reihenfolge der einzelnen Entwicklungsglieder auch der Wirklichkeit entspricht und die einzelnen Stücke dieser Reihe sich derart in zeitlicher und räumlicher Hinsicht berühren, daß ursächliche Beziehungen zwischen ihnen möglich gewesen wären."

Sehr viel besser hat es der Pater Schmidt allerdings auch nicht gemacht, er wollte nämlich mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln den Ur Monotheismus beweisen, aber mit der ablehnenden Betonung des "krassen Materialismus" hatte er recht, obgleich er selber auch seine Kulturkreise nach Wirtschaftsformen übereinanderschichtete, so als seien Wirtschaftsformen das einzige Kriterium für die historische Einordnung einer Kultur. Mit der historischen Reihenfolge hielt man es, unter Kultur Kreislern, etwa so: zu unterst rangieren die Jäger und Sammler, seit Ernst Grosse zusammenfassend "Wildbeuter" geheißen, daraus entwickelten sich spezialisierte Jäger hier, primitive Hackbauer mit Knollenanbau dort; die spezialisierten Jäger mauserten sich zu Hirtennomaden, die primitiven Hackbauern zu höheren Pflanzern mit Pflug und Getreidebau, und aus der Mischung dieser beiden entwickelte sich dann die Hochkultur.
Dieses naive Schemal konstruiert, wohlgemerkt, von überzeugten Historikern, die sich ab von der ansteckenden Krankheit namens Evolutionitis dann doch nicht zu befreien vermochten, wurde 1955 von Hermann Baumann aus dem Sattel gehoben, und es wird von keinem ernst zu nehmenden Ethnologen mehr verteidigt, aber es gibt natürlich eine Menge von nicht ernstzunehmenden. Alles spricht vielmehr dafür, daß die neolithische Kultur, und in Sekundenschnelle nach ihr die Stadtkultur, direkt aus dem Wildbeutertum herausgebildet worden ist, daß Ackerbau und Viehzucht z u s a m m e n ersonnen wurden, und daß alle sogenannten primitiven Pflanzer und Hirtenkulturen Abkömmlinge der Hochkultur sind und beileibe nicht deren Eltern oder Großeltern.Manche dieser Abkömmlinge kann man leider nur als entartet und heruntergekommen bezeichnen, aber es handelt sich eben um ein Absinken, und nicht um progressive Entwicklung. M.A.W., die vom Pater Schmidt als "gräßlich" apostrophierten Phaenomene wie z.B. Menschenopfer, Kannibalismus und andere entschieden unappetittliche Riten. sind nicht an den Anfang einer generellen Entwicklungsleiter zu setzen, sondern an das Ende eines Verfalls von Kulturen, die in die falschen Hände geraten sind.

Es hat selbstredend mehr als nur zwei große Kulturausbreitungswellen gegeben; wie viele das ist noch lange nicht auszumachen, und nicht alle müssen durch regelrechte "Wanderungen" großen Stils erfolgt sein; zur Verbreitung von Kulturelementen hat mit großer Wahrscheinlichkeit beigetragen, was Arthur Kroeber "stimulus diffusion" getauft hat, und das meint, eine Idee, ein Prinzip spricht sich herum, etwa das Prinzip des Pflanzens; angebaut wird dann mit Mitteln, wie sie in die geographische Provinz passen: die Bewohner tropischer Wälder können mit Getreide und mit einem Pflug nichts anfangen, sie schalten um auf Knollenanbau mit Hacke.

Es hat unbezweifelbar viele Diffusionswellen gegeben, große Wanderungen und eher geräuschlose stimulus diffusion, viel mehr, als daß gleichwelcher Experte sich heute rühmen dürfte, deren historische Aufeinanderfolge und jeweilige Reichweite festlegen und werten zu können. Ausgrabungsbefunde von Prähistorikern und Archäologen sorgen mit schöner Regelmäßigkeit für ebenso heilsame wie peinvolle Unsicherheit und werfen jede tags zuvor noch als verlässlich geltende Chronologie über den Haufen.

Diese Umstände könnten einen davon abschrecken, großzügige Theorien zu häkeln. Andererseits zeigt allzu ängstliche Rücksichtnahme auf die sich täglich ändernden historischen Detailbefunde die Tendenz, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen, und dazu kommt, daß sich "heilige" Traditionen und das sind. Kosmologien allemal nicht so leicht ändern wie Keramik oder andere technologische Verfahren, eben weil sie "heilig" sind. Und darum dürfen wir, ungeachtet der Vielfalt der Verbreitungswellen, den Versuch wagen, zwei Gruppen von Kosmologien die jungpalaeolithische und die der Hochkultur auf ziemlich grobe, simplifizierende Manier voneinander abzuheben, weil irgendwann einmal ein Anfang gemacht werden muß, die Feinarbeit kann später bedächtig geleistet werden.

 

Zu astronomischen Kenntnissen des Jungpalaeolithikums


Der Versuch muß, wie mir scheint, gemacht werden, weil "Archaeoastronomy" und EthnoAstronomie "in" sind, weil die Publikationen, Symposia, Kongresse sich häufen, ohne daß man irgendwo einen Ansatz zu verständiger Fragestellung gewahren könnte. Das macht: es haben sich da 1) eine Anzahl höchst interessierter und mit Sicherheit ehrenwerter Astronomen, Astrophysiker und Geodäten eingeschaltet, 2) sind auch hier Social Anthropologists mitbeteiligt, 3) natürlich Velikowsky Fans und Däniken Anbeter, der detrimentalen Journalisten nicht zu gedenken, die eine fette Weide wittern, kurzum: ausschließlich Leute, die nicht die leiseste Ahnung von Kulturgeschichte haben, und die schlimmer, das auch garnicht haben wollen...don't confuse me with facts. Die historische Ahnungslosigkeit und, natürlich, die Unkenntnis unserer Verordnungsparagraphen, speziell das Nicht Gewärtigen einer Fachsprache, muß fatale Folgen haben, wie Sie gleich begreifen werden, nachdem ich Ihnen ein paar wenige Literaturangaben gemacht habe.

Den Stein ins Rollen, d.h. das öffentliche Interesse an praehistorischer Astronomie, haben hauptsächlich drei Leute gebracht, unter denen Gerald Hawkins vom Harvard Observatory der Populärste ist, weil er spornstreichs bis ins amerikanische Fernsehen vorgedrungen ist mit seinem "Stonehenge Decoded" (als Delta Paperback zu haben); mit seine Methoden und Interpretationen sind aber bei weitem nicht alle Experten einverstanden. Gründlicher, länger und verständiger hat sich der Schotte Alexander Thom mit sämtlichen britischen, z.T. auch französischen Megalith Anlagen beschäftigt und tut das auch unverdrossen weiter.

Eine lesbare Zusammenfassung von Thom's älteren Arbeiten nebst Ergänzungen aus deutschen Landen frisch auf den Tisch finden Sie in Rolf Müller: Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit (Heidelberg: Springer 1970, Verständliche Wissenschaft). Hawkins, Thom und Müller handeln von teils neolithischen, teils bronzezeitlichen Steinsetzungen. Der ältesten Zeit, d.h. unseres Jungpaläolithikums, hat sich Alexander Marshack angenommen in mehreren Artikeln und in seinem Hauptwerk "The roots of civilization. The cognitive beginnings of man's first art, symbol and notation" (New York: McGraw Hill 1972), das sich durch unübertreffliche Abbildungen auszeichnet. Eine stattliche Bibliographie von Elizabeth Chesley Baity finden Sie in Current Anthropology 14 (1973) 389 449.

Ich nehme an, Sie beginnen meine grenzenlose Abneigung gegen Sprachverrottung zu verstehen -"astra events" ist noch nicht einmal das Ärgste , und Sie sehen wohl ein, wie läppisch es ist, von "early man's astronomical interest" zu reden, wenn nicht nach dem zureichenden Grund für dieses, viele Jahrtausende brennende Interesse gefragt wird. Natürlich ist es höchst erfreulich und dankenswert, daß Marshack es wahrscheinlich gemacht hat, daß man im Magdalénien über Mondphasen Buch führte und dgl. mehr, und daß ungezählte Arbeiten über die Orientierung von Kultplätzen, Gräbern usw. erscheinen, aber w a r u m sind Gräber orientiert oder meridionalisiert oder borealisiert oder occidentalisiert? M.a.W. wem frommt und wozu taugt die Etablierung der Tatsache des Orientiertseins, speziell von Gräbern, wenn gleichzeitig unbeirrt weiter von einem Totenreich im Innern unseres Planeten gefaselt wird, den die Schriftgelehrten obendrein noch zu einem Pfannekuchen ernennen, da die Kugelgestalt unseren Vorfahren entgangen sein soll?

Darüber hinaus aber: Felsbildern, ausgegrabenen Knochenschnitzereien auf sog. Kommandostäben usf. kann man nicht an der Nasenspitze ablesen, was sie bedeuten; Interpretationen sind mehr oder weniger willkürlich, womit nichts gegen Marshacks Lunare Notierungen gesagt sein soll, wahrscheinlich hat er recht. Indessen: sind wir wirklich darauf angewiesen, uns stirnerunzelnd über ausgegrabene paläolithische Hinterlassenschaften zu beugen und zu r a t e n, was sie uns wohl zu sagen haben möchten? Oder gibt es nicht vielmehr noch, oder hat es bis vor kurzer Zeit gegeben, Populationen, die von der neolithischen Revolution und der vorderasiatischen Stadtkultur und deren Erben überhaupt nicht oder nur ganz minimal tangiert worden sind, also die sogenannten Wildbeuter in Australien, im nördlichsten Asien, in Teilen Nordamerikas, im südamerikanischen Urwald und auf Feuerland, in den südafrikanischen Steppen und Wüsten? Sollte man nicht tunlichst d i e s e Völker verhören, um in Erfahrung zu bringen, was unsere eigenen europäischen Paläolithiker gedacht haben könnten?
Man muß, wenigstens oberflächlich, mit den Methoden und Ergebnissen der kulturhistorischen Ethnologie vertraut sein, um zu wissen, wo man sich, berechtigter Weise, entsprechende Auskünfte besorgen kann. Unsere total ahistorische, wenn nicht sogar antihistorische Unternehmergruppe "Archaeoastronomy" kann also nicht mitspielen. Da sie zudem niemals auf Fachjargon gefaßt sind und auch noch, unseren modernen Kategorien gemäß, die Stichworte "Astronomie" einerseits und "Religion und Mythologie", andererseits sorgfältig auseinanderhalten, kommen sie nicht auf die Idee, nach der "Astronomie" dort zu suchen, wo sie steckt: in den Mythen und Riten der Wildbeuter. Und eben darum kann ich nicht umhin, die, an sich ja doch erfreuliche, Regsamkeit der vielen Hobby Archaeoastronomers für eher fatal denn förderlich zu halten: Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich schon selber schützen.

In früheren Jahrhunderten verstand es sich von selbst, daß man zur Erklärung der eigenen frühen Überlieferung die Tradition weit weg lebender Steinzeitler heranzog. Als Beispiel zitiere ich Ihnen einen passus aus dem 1724 erschienenen vierbändigen Werk des erzgescheiten Missionars Joseph Francois Lafitau "Moeurs des Sauvages Américains, comparées aux moeurs des premiers temps11 (nach Schmidt Koppers 20):

"Ich habe mich nicht begnügt, den Charakter der Wilden kennen zu lernen und mich über Sitten und Gewohnheiten zu erkundigen. Ich habe vielmehr in diesen Gewohnheiten und Sitten die Spuren des entlegensten Altertums gesucht. Ich habe sorgfältig diejenigen der ältesten Schriftsteller gelesen, welche von den Sitten, Gesetzen und Gebräuchen der Völker gehandelt haben, von denen sie einige Kenntnis hatten. Ich habe die gegenseitige Vergleichung dieser Sitten durchgeführt, und ich gestehe, daß, wenn mir die alten Autoren Aufklärungen geliefert haben, um einige glückliche Vermutungen hinsichtlich der Wilden zu stützen, die Sitten der Wilden mir Aufklärung verschafften, um manche Sachen, die sich bei den alten Autoren finden, leichter zu verstehen und besser zu erklären."

Zugegeben, dazumal tat man sich noch leichter, und als Jesuitenpater noch besonders: wer gezwungen ist, an das eine Stammpaar Adam und Eva zu glauben, der kann gar nicht umhin, ein Diffusionist zu sein. Mühe hatten Lafitau und seinesgleichen nur mit dem überaus beengten Zeitplan, d.h. mit der Frage, w a n n die Indianer in den neuen Kontinent gekommen sein konnten, denn das mußte ja unbedingt nach der biblischen Sintflut passiert sein. (Mitunter können, wie Sie sehen, falsche Voraussetzungen zu richtigen Resultaten führen). Seit Lafitau spätestens hat man abgesehen natürlich von den independent inventionalists nicht mehr ernsthaft daran gezweifelt, daß anderswo auf unserem Planeten noch lebendig geblieben war, was in Europa der Prähistorie angehörte, und das Problem war nur, was jeweils wo weitergelebt hatte, womit wir wieder bei den Kulturkreisen gelandet wären.

Die Behauptung der Dame Baity, rezente oder historische Wildbeuter Kulturen zeigten kein Interesse an himmlischen Phänomenen, ist downright falsch, noch sehr viel verkehrter als ihre Annahme, vor Marshack sei es noch niemanden beigefallen, astronomische Interesse bei Mesolithikern zu vermuten. Leo Frobenius hat derlei vermutet, aber er hat den Gedanken nur so hingeworfen und nicht weiter verfolgt. In seiner 1934 erschienenen "Kulturgeschichte Afrikas" fragte er hinsichtlich der Magdalénien-Felsbilder (p.146): "War es so, daß diese Mittelsteinzeitler, als sie in die Wände ihrer sicherlich frommer Weihe dienenden Unterwelt ihre Bilder einritzten, zwar Bilder von Tieren malten, aber das Wesen der Gestirne, der Sterne, des Mondes und der Sonne im Herzen trugen?" Kurz darauf redet er (ibid.) von der " 'Ersten Kunstperiode' der Menschheit, in der die Künstler... die Tiere die Rolle der Gestirne spielen ließen", später (187, s.a.188) von der "Gestaltwelt der astralen Tiermalerei und Tierbildnerei... in der Mittelsteinzeit. Die Umwelt des damaligen Kultus aber war die Unterwelt, die Höhle das natürliche Heim der Nachtrolle des gestirnten Himmels." Mit der deutschen Sprache stand Frobenius nicht auf intimem Freundschaftsfuße, aber er hat gewittert, daß man die gemalten Tiere nicht "beim Wort" nehmen darf, nicht bei ihrer zoologischen Gestalt. Daß außer Frobenius anscheinend keiner auf diese Idee gekommen ist, bleibt mir rätselhaft, denn die mit der Steinzeitkunst befaßten Forscher haben sich häufig die Frage vorgelegt, w a r u m die Bilder des polychromen, sogenannten frankokantabrischen Großtier Stils sich in den jeweils unzugänglichsten, stichdusteren Partien der spanischen und französischen Höhlen gefunden haben, wo sie ja niemand anschauen konnte, und wo der schiere Akt des Malens eine enorme physische Anstrengung gewesen sein muß. Die Erklärung von Leakey (Adam's Ancestors 154), es handle sich um eine Manifestation des Magisch Religiösen (a manifestation of the magico religious) ist reines Blabla; nicht umsonst ist in unseren Spielregeln der Gebrauch derartiger Worte untersagt, die sich prompt einstellen, wo Begriffe fehlen. Überlassen wir aber die Felsbilder erst einmal sich selbst und schauen uns danach um, was uns Wildbeuter zu erzählen wissen, über deren wichtigste und älteste Vertreter, die südafrikanischen Buschmänner, Hermann Baumann sagte (Vkde 85): "Es ist erstaunlich, wieviel besser die Buschmänner die Sterne kennen, als die negriden Pflanzer." Aber auch da sind weder Ethnologen noch Naturwissenschaftshistoriker imstande, sich einen Reim auf die Stories zu machen und zu ermessen, was sie indizieren.

Ein Modellfall: der südafrikanische Ethnologe I. Schapera referiert die Ansichten des deutschen Missionars Wilhelm Heinrich Immanuel Bleek, der unser zuverlässigster und kenntnisreichster Gewährsmann für die inzwischen restlos ausgestorbenen Kham Buschmänner der Kap Provinz gewesen ist. Khoisan Peoples 174 f.

In Wischnewski's Dissertation "Afrikaner und Himmelserscheinungen" (P.51) lesen wir:
"Die Namen für Sterne und Konstellationen beziehen sich bei den Buschmännern wie auch zum Teil bei den Hottentotten vielfach nicht auf die Form und Gestalt, die sie am Himmel zeigen, sondern auf die Zeit des Erscheinens. Dann scheinen auch die Sternbilder von diesen Eingeborenen im Hinblick auf die sie umgebenden Geschöpfe (Tiere) benannt worden zu sein, die zur Zeit ihres Sichtbarwerdens besonders häufig vorkommen." Hinsichtlich südamerikanischer Guyana Stämme sagt Zerries (Paideuma 222 f.): "Wenn im Laufe des Jahres ein Sternbild am Himmel erscheint, vermehrt sich die betreffende Tierart. Nach Roth (1924,715 f,) sind das Auftreten und die Stellung verschiedener Sternbilder in Guayana mit besonderen Jahreszeiten verbunden, und jeder solche Stern ist das dauernde Heim, d. h. der Geist desselben Wildes..., in welches er sich zu der besagten Zeit verwandelt." (s.a. Wildgeister 130).
Das klingt soweit alles ganz harmlos und nicht so, als ob man wirklich aufhorchen müßte, außer daß Sie so beiläufig über das wichtige Faktum unterrichtet werden, daß bei der Prägung von Sternbildern Ähnlichkeit, also eine Abbildung von Tieren, gar nicht beabsichtigt gewesen ist; tatsächlich ist Scorpius das einzige Sternbild, das mit dem Tier, dessen Namen es trägt, große Ähnlichkeit aufweist.
"Viele Sterne", hieß es da hinsichtlich der Buschmänner, "viele Sterne und Sternbilder verdanken ihren Namen n u r der Tatsache, daß sie zu gewissen Zeiten gesehen werden." Und dann, irgendwann später, sollen Phantasie und Personifikationsdrang einsetzen und "nur so" poetische Geschichten produzieren, die am Himmel spielen. Die bare Tatsache aber, die hier wegwerfend mit "nur" bedacht wird, nämlich daß der Lebensrhythmus der Tiere mit dem Aufgang von Sternen verknüpft wurde, die sollte Sie aufhorchen lassen. Denken Sie kurz ein wenig konzentriert nach: wenn Sie Sterngruppen nach Tierarten nennen, die ihre Brut oder Vermehrungszeit zur Zeit des Aufgangs dieser Sterngruppen haben, dann müssen Sie vorher schon nicht nur über den Lebenszyklus der Tierarten Bescheid gewußt haben, Sie müssen auch bereits festgestellt haben, welche Sterngruppe im Laufe des Jahres wann heliakisch aufgeht, und das bedeutet: Sie müssen auf jeden Fall mit der Länge des Sonnenjahres vertraut sein wie auch mit der Tatsache, daß jeden Monat andere Sterne vor Sonnenaufgang sichtbar sind.
Eben dieser entdeckte Sachverhalt muß notwendiger Weise diejenigen, die ihn zuerst gewahrten, zu ausgiebigem Nachdenken und zu dem entscheidenden Schluß veranlasst haben, das irdische Leben werde von den Sternen geregelt. So wurde der Aufgang von Sternbildern zur U r s a c h e, das irdische Geschehen zur Wirkung gestempelt. Um die gewonnene Einsicht in den Zusammenhang zwischen Sternaufgängen und Vermehrungszeiten der Tiere auszudrücken, hat man nun nicht nur Sterne und Sterngruppen nach Tierarten, zuweilen auch nach Pflanzen, genannt, was ja eine relativ unverbindliche Aussage darstellte und uns noch keinen Schluß auf die Präponderanz der himmlischen Erscheinungen erlaubte. Wir wären also auf's Spekulieren angewiesen, wenn uns die Wildbeuter keine deutlicheren Auskünfte gegeben hätten. Das haben sie glücklicher Weise getan, indem sie uns zahlreiche Mythen und Riten hinterlassen haben, die sich um den, bzw. die Herren der Tiere drehen, eine zentrale Vorstellung aller Wildbeuterkulturen, dis bis in rezente Zeit auch bei solchen Völkern quicklebendig geblieben ist, die zwar unter starken Hochkultureinfluß geraten sind, bei denen aber Jagd und Fischerei nach wie vor eine bedeutende Rolle spielen.

Der sogenannte "Herr der Tiere", der in der Literatur auch unter dem Namen Wildgeist oder Buschgeist umläuft (master, lord, owner, guardian of the game, maître des animaux, genie des bois, Paulson in Supernatural Owners) hat, um das das sog. 'Praktische' an den Anfang zu stellen, die Funktion, die erlegten Tiere aus ihren Knochen wiederzubeleben. Das kann nur klappen, wenn die Knochen unverletzt beisammen sind, weshalb denn alle Jägervölker dafür sorgen, daß die Wildknochen unversehrt und gebündelt dem Wildherrn zurückerstattet werden, man hängt sie in Bäume, bestattet sie an bestimmten Plätzen und dergleichen. "Sonst", sagen die Buschmänner, d.h. wenn man Wildknochen zerbricht, "sonst vergeht das Licht des Sternhimmels" (LF Kulturgesch.130).Weniger katastrophal, aber noch schlimm genug: andernfalls entzieht der Herr des Wildes dem Jäger das Jagdglück, er schickt keine "neuen", wiederbelebten Exemplare auf die Erde hinunter oder er macht den Jäger krank."Der Wildherr bestimmt, welches Individualtier sich erlegen lassen muß, manchmal wird auch gesagt, z.B. bei den Abchasen im Kaukasus, ein Jäger könne kein Tier erlegen, das nicht zuvor von dem Wildherrn und seinen Töchtern getötet und verzehrt worden sei (Dirr, Anthropos 1925, 140). Daß der Wildherr selbst Tiere verspeist, Besitzer der Knochen ist, und daß aus "himmlischen" Knochen irdische Tiere entstehen, erhellt sich auch aus den Angaben der nordaustralischen Murngin (W.Lloyd Warner: A Black Civilization. London 1937/1958, 542) über ihren "Great Father up there in the sky", der zu den beiden Stammeshälften (Dua und Yiritja) gleicherweise gehört: "He looks like an ordinary man but he is much bigger...Everything everywhere, fish, iguana, kangaroo, opossum, when he eats them he puts the bones in a pile and does not let them drop down to earth.If a fish bone dropped down it would make plenty of fish, or if a kangaroo bone dropped down it would make many kangaroos. In fact, any animals bone that fell to earth would multiply its species."
Von den ethnologischen Experten für Jägerkulturen wird ein Unterschied gemacht zwischen "individuellen" und "kollektiven Tierschutzgeistern" (Paulson 92), weil häufig so ein Tierherr nicht für alle Tierarten zuständig ist, sondern nur für eine bestimmte Gattung in welchem Falle eben jede Gattung über ihren eigenen Schutzherren verfügt. Bei diesen Herren der einzelnen Tierarten handelt es sich meist um ein, ausdrücklich als riesen. groß bezeichnetes, Musterexemplar dieser Gattung, bei den für mehrere oder für alle Tierarten zuständigen um ein anderes Wesen, manchmal anthropomorph, manchmal nicht. Bei der für uns wichtigsten Modell Population, den Buschmännern, ist es die Mantis religiosa, die Gottesanbeterin Heuschrecke, Kaggen, der sog. Buschmannherrgott, und Mantis scheut vor keinem Kniff zurück, um seine Pfleglinge vor Jägern zu retten. So heißt es z.B. (Bleek:Mantis 12, Übers.16): "Die Leute sagen, Mantis schuf zuerst Elentier; Hartebeest war es, das er nach seines Elentieres Tod schuf. Das ist's, warum er Elentier und Hartebeest nicht nur wenig liebte, er liebte sie zärtlich ... Gemsbock war es, den er nicht so sehr liebte, jedoch hatte er Gemsbock gern. Denn da sind Hasen, welche wir sehen, wenn wir Gemsbock schießen, und diese Hasen rühren sich nicht, weil sie wollen, daß wir sie töten. Wir sehen nach ihnen, weil sie seine Hasen sind. Er will, daß wir die Hasen töten, damit Gemsbock lebe. Und Gemsbock erholt sich, wenn wir Hasen töten, denn er fühlt daß es Mantis ist, den wir töten. Er wird zu Hase, weil er die Absicht hat, daß wir ihn töten, damit Gemsbock sich erhole." Und dann wird noch gesagt (Mantis 14, Übers.16): "Unsere Eltern pflegten zu sagen, daß Mantis zwischen Elentiers Hörnern sitzt."

Was die Herren der einzelnen Tierarten angeht, die, wie gesagt, meist als riesige Musterexemplare ihrer Gattung angesehen werden, so haben sich da Unklarheiten eingeschlichen, denen zufolge es zu dem Begriff des "Großtier-Kultes" gekommen ist, dem unsere ersten homo sapiens Vorfahren gehuldigt haben sollen, zuvörderst dem vieldiskutierten Bärenkult. Umfängliche Bären Riten lassen sich zeitlich bis ins Jungpaläolithikum verfolgen die Herausgeber der Time Life Serie "Frühzeit des Menschen" datieren den Bärenkult ohne fromme Scheu ins Jahr 40 000 und finden sich bei fast allen Völkern der nördlichen Landmassen, angefangen bei den Lappen im Westen, bis zu den Tungusen, Kamtschadalen, Ainu, bis zu einer großen Anzahl von nordamerikanischen Algonkinstämmen, bis zu Kwakiutl, Tlingit und Nutka an der Nordwestküste und zu einigen Präriestämmen; Spuren von Bärenriten ließen sich sogar noch bei den Pueblo Indianern und bei den Maidu in Kalifornien nachweisen (Hallowell 77 f., Koppers 1933, 48. Fehlanzeige bei Samojeden und Eskimo, Hallowell 74, Koppers 48). In südlichen Ländern sind an die Stelle des Bären andere Großjagdtiere getreten.

1945 hat der amerikanische Ethnologe Frank Gouldsmith Speck eruieren können, daß der von den kanadischen Munsee-Mahican mit feierlichen Riten geehrte und geopferte Bär der Gesandte und Stellvertreter des himmlischen Bären ist, von Ursa maior (The celestial bear comes d.own to earth. Reading, Pa. 1945). Wie in unserem beschleunigt vertrottelnden Jahrhundert nicht anders zu erwarten, hat man von Specks Ergebnissen wenig bis keine Notiz genommen. Vielmehr erschien 16 Jahre später (1961) eine, ansonsten als Materialsammlung sehr brauchbare, Sammlung von Untersuchungen über Tierherren und Buschgeister unter dem Titel 11The Supernatural Owners of Naturel". Darin äußerte sich der schwedische Herausgeber Ake Hultcrantz (60) zu der einzigartigen Bedeutung des Bären: "It cannot in and per se be the bear's dangerousness and strength that has given it this individual position...The cause of the special position of the bear cult is rather to be sough in deep lying historical conditions". Die Beharrlichkeit, mit der man an sinnwidrigen Wörtern wie "übernatürlich" klebt und nach "tiefliegenden historischen Bedingungen" fahndet, anstatt sich auf Sternbilder umzustellen, ist erstaunlich, macht Ihnen aber eher begreiflich, auf welche Weise Ihnen kontinuierlich der Blick auf Kosmologie verstellt wird. Die Beharrlichkeit ist umso erstaunlicher, als inzwischen andere einschlägige Arbeiten erschienen waren, vor allem diejenigen von Otto Zerries, der alles verfügbare südamerikanische, und einiges mittelamerikanische Material über Sternbilder als Herren der Tierarten zusammengestellt hat. (Sternbilder als Ausdruck jägerischer Geisteshaltung. Paideuma 5,1951,220 35; Wild und Buschgeister in Südamerika; Wiesbaden 1954; Wildgeiste und Jagdritual in Zentralamerika. Mitt.Mus.Vkde Hamburg 25, 1959,144 50).

Da erfahren wir beispielsweise, daß dem Oriongürtel die Buschhühner unterstehen, den Pleiaden die Bienen, dem Kreuz des Südens die Strauße, die Tapire anscheinend Taurus; die Toba (221) erblicken in zwei Sternen von Canis maior oder Lepus den Herren aller Gürteltiere, bei den Taulipang haben die Wespen ihren Herren in einem Centaurus Stern, bei den Paressi und Bakairi heißt es generell, die Tiere am Himmel seien die ältesten, die es gibt (nach vd. Steinen, Zerries Paid.222, Buschgeister 355). Von Guayana.Stämmen höre wir bezüglicher dieser Herren des Wildes und der Pflanzen, die auch Kuyuha, d.i. Vater
oder Mutter der Gattungen genannt werden, der Kuyuha reise zur gegebenen Zeit von seinem Stern zur Erde, zu einem Brutplatz, wo er sich mit anderen seiner Art vereine, "bereit, in den neugeborenen oder fruchtbringenden Organismen seinen zeitweiligen Wohnsitz zu nehmen, die er so mit Leben und Tätigkeit begabt und nur mit dem Tode wieder verläßt, wenn er in sein Heim in den Himmel zurückkehrt" (Wildgeister 130) Wir erfahren darüber hinaus, daß "die Brutplätze der Tiere auf der Erde, wo die Kuyuha ... sich einfinden", Namen erhalten, "die identisch sind mit denen der Sterne", so daß dann also ein Brutplatz der Strauße Crux australis hieße usf.. Da begegnen wir einer Art von "uranischer" Geographie, die man eigentlich erst den Mesopotamiern und Ägyptern zuzuschreiben geneigt wäre.

Lange vor solch relativ neuen Nachrichten konnte man bei dem schon erwähnten Jesuiten-Missionar Lafitau aus dem frühen 18.Jh. nachlesen (1,360 f. bei Hultcrantz 60 A.29), kanadische Algonkin Stämme seien der Ansicht, que chaque espece a dans le ciel ou dans le pays des âmes le type et le modele de toutes les autres, qui sont contenue dans cette espece: ce que revient aux idées de Platon"; "daß jede Species den Typus und das Modell aller Artgenossen im Himmel oder im Seelenlande habe, was auf die Ideen von Platon hinausläuft". Letzterer Vergleich hinkt, ist aber nicht ganz so verkehrt, wie er sich anhört.

Ebenfalls an Platons Ideenlehre fühlte sich ein alter deutscher Reisender namens Lintschotten gemahnt angesichts von Meinungen der Peruaner, Meinungen also, die aus einem ausgesprochenen Hochkulturgebiet stammen (Bastianian; Culturländer des Alten America 1,490,_603,s.a.Zerries: Wildgeister 131 f ).

Das peruanische Sternbild chuqui chinchay in der Quechua Sprache bedeutet das "vorzüglicher Jaguar" (Zerries 131) hat Robert Lehmann Nitsche (ibid.) für identisch mit scorpius erklärt, zusätzlich einiger Sterne in Ophiuchos, Sagittarius, Ara und Triangulum australis, was ich ihm vorläufig nicht abkaufe. Darüber hinaus aber gibt Lehmann Nitsche an (1928,160 f.), "daß anscheinend in einigen Teilen Perus ein wirklich lebendiger Tiger gemeint ist natürlich ein Jaguar .. als irdischer Repräsentant des siderischen chuqui chinchay zu Kultzwecken gehalten wurde."

Unter Hochkultureinfluß stehen auch die Pawnee und die Cherokee und andere Populationen, die noch zu erwähnen sein werden, aber Hochkultureinfluß bedeutet nicht, daß alles und jedes, was solchermaßen Beeinflußte erzählen, aus dem Import Paket stammt, seien Sie also unbesorgt.


Über die Cherokee berichtet Stansbury Hagar: (Boas Festschrift 354 f.):
"Den Ansichten der Cherokee gemäß ist jedes lebende Wesen auf Erden der Abkömmling eines Ahnherren im Himmel, der durch einen Stern oder eine Sterngruppe repräsentiert wird. on diesem Ahnherren hat es alle seine Charakteristica erhalten; tatsächlich wird der Ahne definitiv als der einzige wirkliche Vertreter seiner Art angesehen. Seine irdischen Nachfahren werden nurmehr als dessen Schatten oder Spiegelbilder oder, vielleicht passender, als dessen Emanationen betrachtet. Daraus folgt natürlicher Weise, daß der himmlische Prototyp unumschränkte Macht über seine Kinder hat, an die er durch unwiderstehliche Sympathie gebunden ist, die auf der Ähnlichkeit beruht. Wer irgendetwas hinsichtlich eines Tieres erreichen will, muß erst die, jeder Spezies eignende magische Macht überwinden, die das Tier von seinem himmlischen Ahnen als Geburts Recht erhalten hat. Solches kann man nur erreichen, indem man den unsichtbaren Ahnen besänftigt... Der Bären-Jäger muß z.B. erst den himmlischen Bären günstig stimmen, ehe er die Verfolgung eines Tieres aufnimmt, denn alle Bären bleiben für den Jäger unsichtbar, wenn sie auf dem Rück liegen, die Tatzen in die Luft, es sei denn, der Jäger habe die für ihre Gattung gültige Jagd Magie erlernt. Es besteht wenig Zweifel, daß diese interessante Doktrin von dem himmlischen Prototyp Gemeingut der amerikanischen Indianer gewesen ist."

Nun, diese Doktrin war nicht nur Gemeingut der amerikanischen Indianer gleichwelchen Kulturniveaus. Das erhellt vorzüglich aus der imposanten Verbreitung der sogenannten Tierversöhnungsriten, die keineswegs nur dem Bären gegolten haben; die Bären Riten sind nur am bekanntesten, weil ihnen gute Publikationen gewidmet worden sind, an erster Stelle die von Hallowell (Irving H.: Bear ceremonialism in the Northern Hemisphere. American Anthropologist 28,1926, 1 175).

Ohne uns auf die detaillierte Beschreibung solcher Kulte einzulassen, seien die folgende Punkte herausgehoben. Man fängt, besonders in Nordasien, gerne ganz junge Bären ein (Hall 121) und zieht sie in den Siedlungen auf. (Sie hatten vorhin gehört, daß man sich zu Kultzwecken in Peru einen lebendigen Jaguar hielt). Am Haupttage des Bärenfestes wird der aufgezogene, oder andernorts der frisch eingefangene, Bär getötet, wobei man ihm ständig gut zuredet. Das tote Tier, oder nur sein abgezogener Pelz mit Kopf, wird in dem Fest
Zelt auf einem Ehrenplatz in aufrechter Stellung aufgebahrt, mit den besten Speisen bewirtet und dann mit langen Entschuldigungsreden bedacht. Nicht die freigebigen Gastgeber haben ihn getötet, das waren ganz andere Leute, wenn der Bär nicht gar selbst an allem schuld war. Die Giljaken beschuldigen die Kröte des Bärenmordes, die Itälmen in Kamtschatka "die gewalttätigen Russen", die Lappen nennen Polen und Finnen, die zu den Algonkin zählenden Ojibway bezichtigen die "Englishmen". Entsprechendes hörten wir von afrikanischen Jägervölkern bei Baumann (Nyama 216,Wildgeister 232 ff.): "man wälzt die Schuld auf andere ab, nennt die Tötung einen Unfall, betont z.B., daß man 'nur das Elfenbein des Elefanten als Handelsgut benötige', daß das Tier selbst Anlaß zur Tötung gab usw." Auch "redet man dem Leoparden vor, daß man ihn töten mußte, weil er sich gegen die Gesetze vergangen hätte." Nicht anders gehen die Guarayu in Brasilien mit Jaguaren um, die in die Falle gegangen sind; sie bitten den toten Jaguar, nicht "an unseren Kleinen Rache zu nehmen, weil du durch deine eigene Unwissenheit gefangen und getötet worden bist. Denn nicht wir waren es, die dich getäuscht haben, du selbst warst es. Unsere Männer haben nur die Falle aufgestellt ... sie haben nie daran gedacht, dich zu fangen." (Zerries 139) Von dem rein jägerisch gebliebenen Stamm der Bugre (=Shokleng = Kaingang) in Ostbrasilien wird von Ta- pir Zeremonien berichtet, die laut Zerries (Paideuma 8,1962,106) "vollkommen an die Bärenzeremonien der Ainu und anderer nordeurasischer Völker gemahnen. Der Körper des getöteten Tapirs wird aufgerichtet, d.h. auf die Hinterbeine gesetzt (!), mit 'Tapir-Gras', der bevorzugten Nahrung des Tieres, bestreut und seine Seele mit freundlichen Worten beschwichtigt, auf daß sie nicht die anderen Tapire vom Jäger fernhalte. Bei den Selknam auf der großen Feuerland Insel (nach Gusinde 1931, 280.707, bei Zerries 1962, 105 6), einer einwandfreien Wildbeuter Population, sagt der Jäger zum erlegten Fuchs, den er das Fell abzieht: "Lieber Fuchs, ich bin dir nicht übel gesinnt. Ich habe dich gern und will dir kein Leid zufügen. Aber ich benötige dein Fleisch, weil ich Hunger habe, und für meine Kinder brauche ich dein weiches Fell. Sei mir nicht böse. Eines Tages werde ich ja wohl auch den oder jenen aus deiner Verwandtschaft erwischen, ihnen werde ich dann gleichfalls das Fell abziehen. Damit werde ich einen schönen Mantel zusammenstellen und das Fleisch werden wir essen, wenn wir Hunger haben. Sei mir nicht böse, lieber Fuchs, ich habe dich sonst sehr gern."
Solchermaßen versöhnte Tiere kehren heim und erzählen im Himmel, wie gut man sie behandelt habe. "Das Versöhnungsritual", so Baumann über das afrikanische Material, "das Versöhnungritual wird oft geradezu mit der Aufforderung verbunden, dem Jäger andere Tiere zuzuführen." Der Bär wird angeredet:"Du darfst dich nicht ärgern. Befreit von deinem lästige Leibe, eile freudig zum Herren der Berge und des Waldes"(ef. Hallowell 121,Ainu); "Sag deinen Brüdern, wie gut du es bei uns hattest und sage ihnen, sie sollen auch zu uns kommen." Die Finnen, die dem Bär erst einmal weisgemacht haben, er sei alles selbst schuld (Holmberg 426) verabschieden den toten Bären mit den Worten (ibid.443):
Sag, wenn du hier weggegangen, in den Wald zurückgekehrt bist, keiner hat mich dort mißhandelt, Waben gab man mir zu essen, süßen Honigtrank zu trinken.

Die Lappen sind der Meinung, ein ordnungsgemäß versöhnter Bär, dessen Knochen sorgsam aufbewahrt wurden, "stehe wieder auf und ließe sich von neuem schießen", und. von den Eskimo berichtete Rasmussen (bei Friedrich 31, n.1): "Das Fell und der Kopf meines ersten Seehundes wurde draußen auf dem Eis versteckt, damit ich später imstande sein sollt denselben Seehund wieder zu fangen ... Dem toten Seehund tröpfelt man Wasser in den Mund. Wenn er dann wieder Seehund wird, lässt er sich gerne wiederum von dem Jäger fangen, der ihm Wasser gab. Zieht man nach neuen Jagdgründen um, so soll man die Schädel der erlegten Seehunde so hinlegen, daß die Augenhöhlen in die Richtung des Reiseweges zeigen. Dann werden die Seelen der Robben, die man schon gefangen hat, mitfolgen, und man wird sie im neuen Jagdgrund wiederum fangen". Die Yuracare' in Ost Bolivien sammeln alle Knochen von Landtieren, Vögeln und Fischen, "damit die Tiere der getöteten Art nicht zornig werden und erlauben, daß sie wieder getötet werden" (Zerries 169).

Die Knochen müssen, wie schon zu Anfang betont, sorgsam aufbewahrt werden, "sonst", so hatten die Buschmänner gesagt, "vergeht das Licht des Sternhimmels" bzw. kann der himmlische Wildherr sie nicht erneut beleben. In Nordasien werden Bärenschädel zuweilen noch besonders aufgebahrt, ja, die Giljaken legen regelrechte Bären Friedhöfe an. Und dieserUmstand hat Sachverständigen wie Hallowell, Koppers, Friedrich zu denken gegeben. (Hall.161 f., A.696, Koppers 52, Friedr. ). Friedrich bemerkt:"Zu solchen Bärenbestattungen weist die Vorgeschichte Europa höchst bemerkenswerte Parallelen auf. Das Drachenloch im Taminatal und andere schweizerische und süddeutsche Höhlen //Mixnitz Steiermark, Koppers, Anthropos 27,1932,978 ff.11 aus mittel wenn nicht frühsteinzeitlicher Zeit bergen Schädel und Knochen von Bären, z.T. wohlgeordnet hinter künstlich aufgesetzten Mäuerchen und in regelrechte Steinkisten eingebettet. Unter den südfranzösischen Felsbildern finden sich neben Bison und Eber, Mammut und Wildpferd auch des öfteren der Bär dargestellt, worunter ein Bild in der Höhle Trois Frères,Arriège, das den König der Wälder von vielen Pfeilen durchbohrt und sein Blut von sich speiend zeigt. Bedenken wir, daß sich bis in die römische Zeit hinein Spuren der Bärenverehrung in Gallien und Helvetien nachweisen lassen...so können der Wahrscheinlichkeit einer Blüte der Jägerkultur und des Bärenkultes im steinzeitlichen Europa nicht verschließen." Es hat sich auch niemand verschlossen und, wie schon erwähnt, verzeichnet eine chronologische Tabelle in der Time Life Serie "Frühzeit des Menschen" unter dem Datum von 40 000 den Bärenkult. Zu den Bildern von Bären, die von Othenio Abel sorgfältig gezählt und beschrieben worden sind (Abel + Koppers:Eiszeitliche Bärendarstellungen und Bärenkulte.Palaeobiologica 5,1932, 7 64) allein in Les Combarelles fanden sich 20 (S.14) gesellt sich eine Besonderheit in der Höhle von Montespan (Haute Garonne); man sieht da "einen in Lehm modellierten Bärenrumpf (ohne Kopf, während aber ein wirklicher Bärenschädel sich zwischen den Vorderfüßen dieser Statue vorfand), der mit zahlreichen kleineren und größeren Löchern versehen ist", so als ob man auf die Figur geschossen oder eingeschlagen hätte (Koppers 52). Einen ebensolchen, aus Lehm geformten Rumpf fand Frobenius später im West Sudan: dort wurde einem Löwen oder Leoparden das Fell samt dem Kopf abgezogen und über die Lehmfigur gestreift. Noch später hörte Jensen in Süd Aethiopien von einer kopflosen Tierfigur, mit der ängstlich geheimgehaltene Riten verknüpft waren, aber die dortigen Ackerbaustämme haben, bzw. hatten das Tier umfunktioniert: über die Lehmkalotte werden Haut und Kopf eines jungen Stieres gestülpt, also eine Haustieres. Erstaunlich genug, daß sich auch in Ostafrika diese, nicht besonders naheliegende Sitte, wennschon entstellt, erhalten hat.

Sie gewahren, hoffe ich, die Bedeutsamkeit der Bärenkalotte in Montespan und die Bestattungen von Bärenschädeln und knochen in schweizerischen, süddeutschen und österreichischen Höhlen; sie besonders erteilen uns die Befugnis, die rezenten Bärenzeremonien und die ihnen entsprechenden Riten zu Ehren anderer Tiere geradenwegs aus dem Jungpaläolithikum herzuleiten. Dem unentwegt Skeptischen könnte man u.a. mit Ljungman antworten (in Hultcrantz 83):"Einen d i r e k t e n Beweis zu finden, der das Bärenfest der schwedischen Lappen in die Steinzeit verlegt, ist sicherlich zu viel verlangt."
Das Material über die Tierversöhnungsriten ließe sich beliebig vermehren, und andere Zeugnisse ließen sich anführen für die Unwilligkeit der alten Jäger, zu töten, bzw, sich zu den von ihnen nolens volens veranstalteten Tötungsakten zu bekennen. Am deutlichsten kommt das heraus in der im Jägergebiet Afrikas verbreiteten Sitte, Tiere im Lauf zu Tode zu hetzen, was bei manchen Stämmen zur Initiation der Knaben gehört (HB Vkde 31,80,91, 132:Ila). Noch Anfang dieses Jahrhunderts stellte Siegfried Passarge fest (Buschm.d.Kalahari 71 f.): "Manche Buschmänner vollenden...heuzutage noch das Kunststück, ganz allein eine große Antilope zu Tode zu hetzen". Als der schon erwähnte Missionar Bleek, dem wir beinahe alle Nachrichten über die ausgestorbenen Buschmänner der Kap Provinz verdanken, einen seiner letzten Gewährsmänner, Kabbo, im Gefängnis besuchte, ließ er sich erzählen, was alles Kabbo nach seiner Entlassung tun würde, und da sagte der u.a. Folgendes: "Am Morgen würde ich den Hasen jagen. Ich würde ihn ...aus seinem Lager aufspringen machen und forttreiben, bis er tot niederfällt. Daher schoß ich Hasen, damit ich ihnen jagend den Tod mit der Sonne zugleich bringe. Daher jage ich ihn in der Sonne, damit die Sonne ihn durch ihren Brand für mich töte, damit ich ihn, von der Sonne getötet, esse."

Die Sonne also soll für Kabbo den Hasen töten. Und da wäre noch etwas zu berichten, ein Erlebnis, das Frobenius mit Pygmäen im Kongo Urwald hatte, und das ihn möglicher Weise zuerst dazu veranlaßt hat, über "astrale Tiermalerei" nachzudenken. (Kulturgesch.127 f. Urbild 16 18).
Frobenius meint dazu (128 30): " Dieser Maßnahme muß eine sehr wesentliche und vielsagend Vorstellung zugrunde liegen, die nicht ohne weiteres deutbar ist. Klar ist, daß Sonne und Blut eine große Rolle spielen. Das Bild des Tieres ist augenscheinlich mit dem Tiere selbst gleichgesetzt und ebenso auch wohl der Pfeilschuß mit dem Sonnenstrahl. Hier scheint mir der lösbare Teil. Denn ein Hinweis auf das über den Bärenkultus Wiedergegebene zeigt, daß das ängstliche Streben dieser alten Kultusgesinnungen darauf gerichtet ist, die Handlung des Tötens einem anderen zuzuschieben. Die Giljaken machen die Kröte als Mörder verantwortlich" usw. "So dürfte denn auch hier der Wunsch, eine andere Kraft einzuschalten, als sittenbestimmend angenommen werden. Natürlich braucht solche Interpretation durchaus nicht erschöpfend zu sein, denn es folgt ja die Erklärung, daß das 'Blut der Antilope die Jäger vernichten würde, wenn das Wiederauslöschen des Bildes nicht bei Sonnenaufgang' vorgenommen würde. Also muß das Bild nicht einfach vernichtet, sondern b e i S o n n e n a u f g a n g zunichte gemacht werden. Demnach nimmt die Sonne mit einem ersten Strahl das Leben des Tieres an sich, und mit einem zweiten wendet sie die Gefahr der Blutrache vom Jäger, das heißt wohl, daß die Sonne das Leben der Antilope zurückgibt."

Ich will diese Deutung nicht in den Wind schlagen, aber wir müssen uns erst doch noch nach weiteren Wildherren umtun, eben jenen, die kein Riesenexemplar der Gattung darstellen, wie eben der erwähnte Buschmannherrgott, Mantis, der So listenreich für seine Geschöpfe eintritt, zunächst für sein geliebtes Elentier die männliche Elenantilope ist im Procyon (alpha Canis minoris) zu suchen, die dazugehörigen Elenkühe in alpha beta Geminorum (Wischnewski 71) sodann für Hartebeest: das männliche Exemplar findet sich in Taurus, das weibliche ist durch Betelgeuze markiert.

Wir haben aus diversen Kontinenten Angaben über menschengestaltige Tierherren, über Zwerge, Männlein mit rückwärts gekehrten Füßen, Mischwesen oder Insekten z.B. ist bei den Naskapi auf Labrador eine bestimmte Stechfliege die Herrin der Fische; Tierherren erscheinen auch im Wirbelwind, im Feuer und in anderen Phainomena, und beinahe niemals läßt sich auf Anhieb erkennen, um wen oder was es sich handeln könnte.

Zu den erfreulichen Ausnahmen zählen die nordostasiatischen Tschuktschen, bei denen der Polarstern als der Herr allen Wildes gilt (Bogoras:Chuckchee Mythology, 1912, 91). Er besitzt Kisten (trunks, 96), gefüllt mit Seehunden, weißen Walen, Walrossen, Grau und Blaufüchsen, Eichhörnchen, Hasen, Rentieren und Wölfen, und er rühmt sich:" I am ...(a possessor of) the Game Substance. I distribute it among the Lower People ... I always look to (the wants of) the Lower People" Sein ozeanischer Kollege bei den Giljaken, der Meeresherrscher, dessen himmlischer Standort leider nicht angegeben wird, ist ein Greis mit eisgrauem Bart, der mit seiner Frau auf dem Grunde des Ochotskischen Meeres in einer Jurte haust. "In der Jurte gibt es eine Menge K a s t e n mit dem verschiedenartigsten Fischrogen angefüllt, den er von Zeit zu Zeit handvollweise ins Meer wirft. Damit sendet er zu bestimmten Zeiten unübersehbare Heereszüge von Lachsen, ohne welche der Giljake sein Leben nicht würde fristen können; er ist es auch, der die Schwertwale aussendet, im Meere Ordnung herzustellen und alle möglichen Tiere des Meeres dem Giljaken entgegenzutreiben.11 (Sternberg, ARW 8,253).

Außer dem generellen Tiereigner Polarstern hören wir bei den Tschuktschen aber auch von einem gewissen Pic vu'cin, einem "special owner" wilder Rentiere und überhaupt des Landwildes. Er ist nicht länger als ein Finger, und seine Fußspuren sind die einer Maus. Er pocht auf die strikte Einhaltung aller alten Jagdriten und Opferhandlungen. Der Däumling fährt auf einem winzigen Schlitten aus Gras; den Schlitten zieht zuweilen ein Rentier, zuweilen eine Maus, und was für den Menschen Bären sind, das sind für ihn Lemminge: er erlegt sie und lädt sie auf seinen Schlitten (Paulson: Schutzgeiste 19611 61 f.). Bei den Tungusen im Baikalgebiet ist ein weißhaariger Greis für das Wild zuständig, und den wird von den einen nachgesagt, er bediene sich zur Fortbewegung eine weißen Hengstes, von den anderen, er benutze dazu einen Tiger (82 f.), während die Jenissei Tungusen nur wissen, der Herr der Tiere lebe auf der "dritten Wolke" der oberen Welt (85 f.). Während einer Jagd Zeremonie begibt sich der Schamane auf einer sog. Seelenreise zu diesem "Herren der Taiga und Tiere", um "von ihm verschiedenes Wild (d.h. die ,Seelen' der Tiere) zu erbitten, die die Tungusen zu ihrer Nahrung bedürfen" (86). Auch bei den Yukagiren gehörte es zu den Aufgaben des Schamenen, "to travel to the Owners of the Mountains, of the Earth, the Rivers, Lakes, the Ocean, and to the Keepers of the separate species of animals, and, beg them for a plentiful supply of animals during the hunt" (Jochelson bei Paulson 56 f.). Der greisenhafte Tierherr der Jakuten gilt als besonders lustig und lärmend, und die ihm beigesellte Herrin der Fische soll sich durch Heiterkeit und Geschwätzigkeit auszeichnen (91 f.). Bei den Burjaten haben die Pferde ihren Spezialherren und Beschützer, Solbon genannt, und das ist der Planet Venus (Holmberg, FFC 125, 197 ff.). Wie wir von Holmberg hören, heißt es, "der Stern sei ein großer Pferdefreund, der mit einen Lasso in der Hand über das Himmelsgefilde reitet. Er besitzt eine große Pferdeschar, die ein Knecht hütet".

In Mittelamerika, d.h. in Honduras und Nicaragua, sagen die Tepehuana von dem Meister der Hirsche und Fische, er sei ein Zwerg, der auf einem Hirsch reite; bei den Cáhita ist der Häuptling der Tiere ein schwarzer Zwerg, bei den nordamerikanischen Schoschonen ein Zwerg, der wie ein Kleinkind schreit und Bogen und Pfeile trägt, von den Ute wird nur von einem "kleinen Mann in den Bergen" geredet (Haekel, Mitt.Mus.Hamburg 25, 68). Bei Maya Abkömmlingen im südlichen und zentralen Honduras gilt "als eigentlicher Patron der Jagd und des Fischfangs, gleichzeitig aber auch des Feldbaues ... Xulab, der Morgenstern. Man denkt sich ihn als einen bärtigen, hässlichen Mann... Er war älterer Bruder von Kin, der Sonne, und wurde später zur Venus. Nach einer Tradition ist Xulab /Venus Eigentümer aller Tiere der Welt. Er hält Hirsch, Peccari, Antilope, Truthahn, kurz alle Vierfüßer und Vögel in G e h e g e n. damit die Menschen zu ihm um Fleisch kommen können. Für seine Schützlinge hat er ein großes Maisfeld angelegt. Von ihm wird folgende Mythe erzählt: Als einmal auf Betreiben eines Zauberers seine Frau des Nachts sein hässliches Gesicht beleuchtete und dazu lachte, sprang er auf, und alle seine Tiere brachen aus ihren Umzäunungen und verstreuten sich nach allen Richtungen. Erzürnt beschloß er, wegzugehen und zum Morgenstern zu werden. Vorher ... übergab er jedoch den Herren der Berge und Täler, den Mam , die Herrschaft über die Tiere und sprach: Die Menschen können nicht länger mehr zahme Tiere haben. Wenn sie aber meinen Gesetzen gehorchen, werde ich ihnen Fleisch, Mais und andere Pflanzen geben. Mein Gesetz ist dies: Vor der Jagd müssen die Menschen Nachtwache halten und in den Stunden vor der Morgendämmerung für mich Kopalharz verbrennen und mich um einige meiner Tiere bitten. Das soll geschehen, wenn ich noch zuhause bin und ich mich noch nicht über den Horizont erhoben habe. Am Orte der Jagd oder bevor sie ein Feld anlegen, haben sie wieder Kopal zu räuchern und zu beten, aber diesmal zu den Mam's. Denn die Mam's werden jetzt das tun, was ich bisher gemacht habe, nämlich aus ihren Gehegen die Tiere in den Wald entlassen, damit sie von den Jägern leicht erlegt werden können." Befehlsgemäß beten die Jäger vor der Jagd zu Venus; ein Gebet lautet:"0 Gott, heiliger Stern, mein Großvater, meine Großmutter, ich werde jetzt dein Herz belästigen, ich werde jetzt deine Kinder stören. Wie es dein Wunsch ist, mußt du mir einige deiner Tiere geben."

"Bei den Cuna in Panama gilt der Planet Venus, genannt Pugsu, als ein großer Jäger. Wenn die Cuna einen ganzen Wal auf den Klippen gelandet vorfinden, so glauben sie, daß diesen Pugsu erlegt hat ... Pugsu ist linkshändig, deshalb harpunieren linkshändige Leute am besten" Zerries, Paideuma 5, 229).

Bei dem Ge-Stamm der Serente in Ost-Brasilie "erscheinen die Planeten Mars und Venus in Menschengestalt den von ihnen Auserwählten zuerst nachts im Traum, dann tagsüber im Wald oder in der Steppe, immer an derselben Stelle, rufen sie zu sich und lehren sie ein guter Jäger oder Medizinmann zu, werden, wie wir von Curt Unkel, genannt Nimuendaju' hören, (1942, 85 f.) .'Der Jäger isst so viel als möglich von dem Wild, das er nach der ersten Vision erbeutet, enthält sich jedoch dann während der übrigen Zeit seiner Unterweisung des Fleischgenusses. Gerade während seiner Zeit der Unterweisung durch den Planeten Venus (die 12 Tage währte, s. Zerries: Geister 21) tötete aber Nimuendajú's Gewährsmann eine überraschende Menge Wild." "Der Planet Mars personifiziert in dem Dämon Hieparowawa, erscheint ... gewöhnlich einem einsamen Jäger auf dem Anstand. Seine Schüler bemalen sich den ganzen Körper schwarz mit Ausnahme des Gesichtes, der Hände und Füße, die rot bemalt werden, denn so ist das Aussehen des Daemonen. Wenn sie ihm während der sechs tägigen Unterweisung im Wald zu begegnen wünschen, schwingen sie an dem betreffenden Ort ein Schwirrholz, das 'Brüller des Hieparo wawal heißt, und sogleich erscheint der Dämon" (Zerries:Geister 21).
Auf welche Weise Mars und Venus zu ihrem Beruf gekommen sind, und in wessen Auftrag sie dem Vernehmen nach handeln, entnimmt man weiteren Angaben von Nimuendajú (bei Zerries:Geister 21): "In den Tagen, als Waptokwa, d.h. Sonne, noch auf der Erde weilte, waren alle Tiere Menschen (Nimuendaju Lowie 1944, 183 f.). Infolgedessen gab es keine Jagd, und die Menschen aßen einander. Eines Tages boten die Menschen Waptokwa gebratenes Menschenfleisch an, er aß davon, war aber ärgerlich. Er rief alles Volk zusammen und schritt auf einem freigelassenen Pfad mitten durch die versammelte Menge hindurch. Da wurden auf der einen Seite alle in Tiere verwandelt; die aber auf der anderen Seite standen, blieben Menschen. Seitdem essen letztere kein Menschenfleisch mehr, sondern jagen und verzehren das Wild. Waptokwa, die Sonne, aber ging darauf mit dem Mond an den Himmel. Mit dem heutigen Jagdritual stehen Sonne und Mond bei den Serente... nicht direkt in Verbindung. Denn seit ihrem Weggang von der Erde hat die beiden Gottheiten (sie sind nicht mit den Himmelskörpern identisch, die auch einen anderen Namen tragen) niemand mehr gesehen. (Nimuendaju 1942,85 f.). Alle Verbindungen zwischen Waptokwa und Wairie (dem Mond) und dem Menschen geschieht bei den Serente durch die Sterne. Sie gewähren dem Menschen Wissen und Macht nicht nur als Agenten der zwei großen Gottheiten, sondern auch in eigener Verantwortung."

Den Serente eignet eine exogame Zweiklassen Organisation, und in diese beiden Klassen (oder moieties) werden möglichst viele Phänomene eingeordnet. Die Mond und Nachtleute bemalen ihren Körper mit Serien von Längstreifen, die Tag und Sonnenklasse aber mit Kreisen (16 f.). Zur Gefolgschaft der Sonne zählen die Planeten Venus und Jupiter, der Oriongürtel und kappa Orionis, " who, strangely enough, is identified with Adam" Zum Monde gehört als "most important companion" der Planet Mars; dazu kommen die Pleiaden und die Aasgeier, "considered celestial animals".Wo diese Aasgeier zu finden seien, ist unbekannt, so unbekannt wie weitere Zuordnungen von Sternen und den restlichen Planeten zur einen oder anderen Klasse, und Nimuendaju erklärt (83):"the bulk of their ancient faith has dropped out of the memory of the present generation', gemeint ist die Vorkriegszeit, heute ist der Fall ohnedies hoffnungslos-speziell dank der kräftigen Nachhilfe von Missionaren, die aber doch nicht verhindern konnten, daß christliche Persönlichkeiten in das Dualsystem eingemeindet wurden; Christus wird mit der Sonne identifiziert, Petrus mit dem Mond, "and a tailed black demon, who lies in ambush for the souls of the dead, not with the devil, but with the Pope."
Die Sonne, bzw. den Sonnengott finden wir als Tierherren u.a. bei dem Guarani Stamm der Mbwiha in Paraguay (Zerries 18): "Namandu, der Gott der Sonne, genau genommen, der Geist der aufsteigenden Sonne, nicht das Gestirn selbst wird in einem Gebet vor Antritt der Jagd von den Jägern angerufen: 0 Namandu, erlaube uns, ein Tier auf deinem Wege zu töten. Führe die Tiere zu uns." Bei den Selknam auf Feuerland gilt die Sonne anscheinend als Herr der Fische (20 nach Gusinde 1931,711), für andere Tiere scheint der Fuchs zuständig zu sein, dem auch die einzige Tierversöhnungszeremonie der Selknam gilt, von der wir schon gehört haben. Nicht direkt bei den Selknam, aber bei den nahebei im südlichsten Patagonien wohnenden Haush übernimmt der Fuchs, "der gewöhnlich in der Verkleidung eines Tricksters" erscheint (vgl.122 bei Toba) eine sehr ähnliche Rolle wie der durch das Menschenfleischgericht beleidigte Sonnengott bei den Serente.. Einstmals nämlich waren alle Tiere zahm und lebten nahe bei den Behausungen der Menschen. Dieser glückliche Zustand nahm ein plötzliches Ende, als jemand dem Fuchs etwas Übelriechendes unter die Nase hielt. Dieser wurde sofort wild und lud die anderen Tiere ein, ihm in die Wildnis zu folgen, was sie auch taten." Wenn wir uns darauf verlassen könnten, was wir natürlich nicht dürfen, der Fuchs der Patagonier sei akkurat der nämliche wie der Fuchs, der Aguara Runpa der Chiriguano, so wüßten wir wenigstens, wo er "zuhause" ist: in Scorpius, genauer gesagt, in einer Gruppe von Sternen in Scorpius und Ophiuchos; die Sterne kappa lambda ypsilon aber sind sein Spaten, den er mittels einer Wette dem Herren der Gürteltiere abgewonnen hatte (Nordenskiöld:Indianerleben 269 f.; Zerries 119); ihn selbst, den Zorrodios aber sieht man so wenig wie den Tapir Gott, der in benachbarten Sagittarius Sternen wohnt.

Über den in der Literatur am häufigsten behandelten Tierherren, den Corupira der Tupi-Sprachen sprechenden Indianern Brasiliens und des Amazonas Gebietes nur so viel: Er tritt meist als kleiner Mann von3 Fuß Höhe auf; er ist "kahlköpfig, aber am. ganzen übrigen Körper mit langen Haaren bedeckt, mit nur einem Auge, mit blauen oder grünen Zähnen, großen Ohren, mit Beinen ohne Gelenke, die Füße immer rückwärts gebogen und von außerordentlicher Körperkraft" (Teschauer, Anthropos 1,1906,26, Zerries 9). Zuweilen reitet er auf einem Hirsch, auch auf einem Kaninchen, meistens aber auf einem Busch oder Wildschwein. Immer schwingt er eine Peitsche oder Gerte, womit er gegebenenfalls die Hunde der Jäger züchtigt, um sie dann festzubinden, bis sie Hungers sterben. Was Korupira, genau wie die zentralamerikanischen Mam, die Beauftragten von Xulab /Venus, besonders verübelt, ist, wenn Jäger Tiere nur verwunden, anstatt sie waidgerecht zu töten, angeblich weil ihm, dem Korupira, dann die beschwerliche Arbeit zufällt, Heilkräuter zu suchen, um das verwundete Wild zu heilen. (Zerries 11). Für Tabak zeigt er sich immer empfänglich: schenkt ihm der Jäger welchen, so verleiht Korupira ihm Jagdglück; der Wildherr der nordasiatischen Yukagiren indessen bevorzugt Brandy (Paulson 60).

Bei den Sipáia-Tupi (am Xingu. Zentralbrasilien) reitet nicht der Kamaphari selbst auf einem Wildschwein, sondern sein Vetter, der sich einst an Kumapharis riesiger Wildschwei Herde vergriffe hatte, bzw. das tun wollte. Ursprünglich waren alle diese Wildschweine Menschen gewesen, aber sie hatten Kumapharis Zorn erregt, weswegen er sie verwandelte und in einen Felsen verschloß. Besagter Vetter wollte sich an diesen Privat Wildschweinen vergreifen und ließ sie alle aus den Felsen heraus. Zur Strafe setzte ihn Kumaphari auf ein (aus einem Korb hergestelltes) Wildschwein und ernannte ihm zum Herren dieser Species. "Er ist ein kleines Männlein, das auf einem Tier der Herde reitet. Wenn man auf ein Wildschwein schießt, so hört man ihn oft die anderen durch einen Alarmruf warnen" (Nimuendajú, Anthropos 14/15 (1919/20, 1013 f , Zerries 93) Ohne hic et nunc Schlüsse daraus zu ziehen, sei vermerkt, daß die Sipaia die Milchstraße "Wildschweinpfad" nennen (hozabapa,Nimuendaju 1012).

Fazit

Wenn man schon nicht umhin kann, zuzugeben, daß die "eigentlichen" Tiere, die riesigen Gattungsexemplare, zu denen die Seelen der terrestrischen Tierarten zwischen ihren Inkarnationen zurückkehren, Sternbilder sind, so möchte ich wohl wissen, was denn nun die Tierherren sein sollen, die auf diesen Tier Konstellationen sitzen oder reiten, wenn nicht Planeten, zumal wir Venus und Mars als Wild- und Jagd-Schutzgeistern bereits begegnet sind, in Zentralamerika, bei den Serente in Ostbrasilien und in Nordasien. Die von ihnen bevorzugten Tier-Sternbilder könnten Vorläufer sein von dem, was man später "Häuser" oder aber "Hypsomata/ Exaltationen" der Planeten genannt hat.